Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Syrien-Einigung: Das dicke Ende kommt noch
Startseite


Irina Hetsch leitet das BiZ in Moskau. (Foto: Jahn/.rufo)
Irina Hetsch leitet das BiZ in Moskau. (Foto: Jahn/.rufo)
Samstag, 02.02.2008
Aktualisiert 02.02.2008 23:05

BiZ: Russlanddeutsche zwischen Ost und West

Moskau. Mehr als eine halbe Million Russlanddeutsche sollen heute in Russland leben. Im Interview mit Russland-Aktuell erklärt Irina Hetsch, warum und wie das BiZ Moskau die Minderheit fördert.

R-A: Eine ketzerische Frage direkt zu Anfang: Warum muss Deutschtum im Ausland überhaupt gefördert werden? Müssen sich Minderheiten nicht eher an ihr neues Umfeld anpassen?

Irina Hetsch: In der EU-Minderheiten-Charta werden die Mitgliedstaaten verpflichtet, alles dagegen zu unternehmen, dass sich die Minderheiten gegen ihren Willen vollständig assimilieren. Auch Russland hat dieses Dokument unterschrieben, und die Russlanddeutschen werden darin als eine dieser Minderheiten benannt.

In Deutschland gibt es zudem ein Kriegsfolgenbereinigungs-Gesetz, das die Förderung der deutschen Minderheiten in Osteuropa vorschreibt. Nach dem deutschen Überfall auf die osteuropäischen Staaten war diese Minderheit ja vielerorts Repressalien ausgesetzt.

Deutsche wurden in Sippenhaft genommen, in unwirtliche Gebiete deportiert und in Arbeitslager gesteckt. Mit dem Gesetz übernimmt der deutsche Staat die Verantwortung für diese Kriegsfolgen und unterstützt die Minderheiten insbesondere in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

R-A: Das Moskauer BiZ bietet seit nunmehr 15 Jahren kulturelle und soziale Fortbildungen und Seminare sowie Information an – und zwar für die Russlanddeutschen in ganz Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Eine riesige Aufgabe. Wie organisiert man das überhaupt?

BiZ - Deutsch-Russisches Haus Moskau
Malaja Pirogowskaja uliza 5
119435 Moskau
Telefon: 007 495 246 90 90
Fax: 007 495 937 65 60
Metro: Frunsenskaja
Irina Hetsch: Das BiZ hat als traditionelles, zentral aufgestelltes Bildungszentrum angefangen. Es wurden Russlanddeutsche aus den Regionen nach Moskau eingeladen. Hier fanden sie ein „Dach“, unter dem sie sich wieder zusammenfinden und sich frei austauschen konnten. Sie wurden zu unterschiedlichen Themen in Seminaren geschult, und dann sind sie wieder in die Regionen zurückgekehrt.

Heute gibt es eine Netzwerkstruktur mit drei Ebenen: Die Zentrale in Moskau, daneben 18 Knotenpunkte in der gesamten Russischen Föderation, in Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan, im Baltikum und der Ukraine.

Und auf der dritten Ebene sind es über 500 Multiplikatoren in verschiedenen Ausbildungsrichtungen, die es ermöglichen, die Aktivisten und Sprachlehrer an den mehr als 600 Begegnungszentren weiterzubilden.

Diese Begegnungszentren, das sind durchweg Organisationen, die sich entweder auf gesellschaftlicher Ebene herausgebildet haben oder aber von staatlicher Seite unterstützt werden – das sind die deutschen Kulturhäuser und -zentren, die Jugend-Klubs, deutsche Kulturgesellschaften – also Orte, wo sich die Menschen treffen und sich sprachlich und kulturell austauschen können.

R-A:Wie groß ist denn die russlanddeutsche Volksgruppe in Russland eigentlich?

Bei Russland-Aktuell
• Moskauer Programm für Russlanddeutsche nur Glasperlen? (25.10.2007)
• Dicke Luft in der deutschen Muster-Kolonie Strelna (05.02.2007)
• Russlanddeutsche zwischen Vergangenheit und Zukunft (13.04.2006)
• Wolfgang Seiffert: Skandal um Russlanddeutsche (07.04.2006)
Irina Hetsch: Laut offizieller Statistik gibt es in Russland selbst rund 600.000 Russlanddeutsche – die meisten leben in Sibirien, im Altai-, im Wolga- und im Ural-Gebiet. Rechnet man zu den Russlanddeutschen, die in Russland leben, noch die Russlanddeutschen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hinzu, so kommt man auf mehr als eine Million Russlanddeutsche. Wie ich bereits früher gesagt habe, ist das Moskauer BiZ für sie alle zuständig.

Hier in Zentralrussland leben vergleichsweise wenig Russlanddeutsche, aber dafür befinden sich hier ihre Dachverbände. Es gibt hier den Internationalen Verband der deutschen Kultur, der sich in erster Linie als Dachverband der Begegnungszentren begreift.

Dann gibt es die „Föderale Nationale Kulturautonomie“, die Gesamtrussische Vereinigung „Gemeinschaft“, das „Zentrum der Deutschen Kultur“, die „Gesellschaftliche Akademie der Wissenschaften der Russlanddeutschen“, die Stiftung „Russlanddeutsche“, den Jugendverband der Russlanddeutschen. Diese Organisationen sind übrigens alle hier im „Deutsch-Russischen Haus“ in Moskau vertreten.

R-A: Wie hat man sich die Arbeit des Netzwerks vorzustellen – vor Ort, in einem Begegnungszentrum?

Irina Hetsch: In den Begegnungszentren finden vor allem Sprachkurse, gemeinschaftsfördernde Maßnahmen, so genannte Zirkelarbeit für Kinder und Senioren, kulturelle Veranstaltungen, sowie Projektarbeit zur Heimatkunde und Geschichte der Russlanddeutschen statt.

Zur Zirkelarbeit treffen sich die Kinder vor allem sonntags und basteln, singen, spielen Theater oder beschäftigen sich mit Landeskunde. Die Eltern bringen ihre Kinder gern zur Sonntagsschule, weil die Kinder bei der Zirkelarbeit gefördert werden.

R-A: Wer legt fest, welche Kurse in den Begegnungsstätten angeboten werden?

Irina Hetsch: Die Russlanddeutschen wählen die Themen selbst aus. Der Bedarf wird über die Begegnungsstätten abgefragt. Jedes Jahr wird überprüft, ob noch Nachfrage nach den einmal festgelegten Bildungsbereichen besteht.

R-A: Wie sind die Begegnungsstätten räumlich untergebracht?

Irina Hetsch: Das ist ganz unterschiedlich: Beispielsweise gibt es ein Zentrum in Sergijew Posad, rund 70 Kilometer nordöstlich von Moskau. Das ist im Probenraum eines Theaters untergebracht. Die haben einfach keine andere Möglichkeit.

Dann gibt es aber auch Deutsch-Russische Häuser, beispielsweise in Nowosibirsk, in Tomsk in Barnaul, in Kasan oder Kaliningrad, die Einrichtungen der Städte sind und von diesen unterstützt werden – denn es gibt eine Nationalitätenpolitik in Russland und die Verpflichtung, die Nationalitäten zu unterstützen.

R-A: Ich kenne aus dem Straßenbild vieler Kleinstädte im Rheinland „Türkische Kulturvereine“ und fürchte, dass die relativ isoliert sind. Wie sieht das mit den Russlanddeutschen aus?

Irina Hetsch: Ich kenne die „Türkischen Kulturvereine“ nicht. Als Orientalistin kann ich mir aber vorstellen, dass die sehr abgeschlossen sind. Bei den Russlanddeutschen war das bestimmt auch einmal eine Weile so, weil die Menschen erst wieder zu sich selbst finden mussten.

Jetzt sind die Gemeinden aber bereits relativ offen, weil man einerseits merkt, dass das Miteinander Spaß macht. Und man hat erkannt, dass es auch wichtig ist, dass die Umgebung erfährt, was es mit den Russlanddeutschen auf sich hat. Denn die Geschichte der Russlanddeutschen gibt es im Bewusstsein vieler Menschen hier und auch in Deutschland nicht.

Immer wieder fragen Jugendliche oder auch ältere Bürger Russlands, ob die Russlanddeutschen vielleicht ehemalige Kriegsgefangene sind oder Deutsche, die in Russland arbeiten. Es fehlt einfach das Wissen darüber, dass die Russlanddeutschen ein Volk sind, das eine ganze Menge zur wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung von Russland beigetragen hat.

Deutsche leben seit mehreren Jahrhunderten hier in Russland. Damals sind sie von den russischen Herrschern hierher gerufen worden. Einerseits Spezialisten aus den Bereichen Militär oder Medizin, Wissenschaftler, Architekten, die in die großen Städte gingen. Andererseits deutsche Kolonisten – Landarbeiter und Handwerker, die vor allem zur Urbarmachung oder Verbesserung der Effektivität bei der Nutzung der Ländereien gerade im Wolga-Gebiet angesiedelt wurden.

Damals waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht so günstig, und die russischen Herrscher haben den Einwanderungswilligen günstigere Bedingungen für die Ansiedlung und die Arbeit sowie auch Religionsausübung angeboten.

R-A: Heute sind die Bedingungen in Deutschland erneut nicht die besten. Aber es fehlt eben eine Katherina die Große, die nach Russland lockt.

Irina Hetsch: Ja, aber es gibt inzwischen ein Rückkehrerprogramm der russischen Regierung für „ehemalige Landsleute“. Das richtet sich auch an die Russlanddeutschen. Durch die Presse geistern Aussagen, dass wahnsinnig viele Russlanddeutsche zurück wollten. Aber die Ziffern derjenigen, die diesen Schritt dann wirklich gehen, schwanken in Wirklichkeit wohl zwischen 500 und 1.500 Menschen.

Das Bildungs- und Informtionszentrum (BiZ) in Moskau
Seit 15 Jahren führt das BiZ Moskau Seminare und Fortbildungen im sozialen und kulturellen Bereich und zu verschiedenen Aspekten von Projektarbeit durch. Das BiZ fördert damit vor allem Organisationen der Russlanddeutschen auf dem Gebiet der Russischen Föderation und in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Mit der Bildungs- und Informationsarbeit soll die Identität der Russlanddeutschen und ihre Selbstorganisation in den genannten Gebieten gestärkt sowie die Herausbildung neuer Führungskräfte gefördert werden.

Das BiZ wird vom Deutschen Staat finanziert.
Ich denke den Russlanddeutschen könnte in Zukunft eine wichtige Brückenfunktion zwischen Deutschland und Russland zukommen – sowohl denen, die in Deutschland leben, als auch denen, die in Russland leben.

R-A: Zu Sowjetzeiten hatten die Russlanddeutschen keinen einfachen Stand. Es gab sicher die Tendenz, die Spuren der eigenen Herkunft zu verwischen und sich zu assimilieren. Wie sieht das heute aus: Wird die deutsche Kultur von der Volksgruppe gepflegt?

Ich glaube, bei Kultur und Sprache gibt es jetzt wieder ein großes Interesse unter den Russlanddeutschen. Das ist auch unter den Jugendlichen so ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie sich aus der Masse in Russland abheben können.

R-A: Ein Alleinstellungsmerkmal will man sich aber nur zu Eigen machen, wenn es positiv besetzt ist. Wie ist denn das Image der Russlanddeutschen in ihrer Umgebung in den Regionen?

Irina Hetsch: In dem Maße, wie sich die Beziehungen zwischen Deutschland Russland in der Vergangenheit wieder verbessert haben, hat sich auch in der russischen Bevölkerung die Haltung gegenüber den Deutschen wieder verbessert. Je besser die Menschen außerdem Schicksal und Leistungen der Russlanddeutschen kennen lernen, desto besser wird auch ihr Image.

Die Fragen für Russland-Aktuell stellte Christian Jahn.


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Beachten Sie unbedingt die >>> Regeln für Leserkommentare. Sie können hier oder auch im Forum ( www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Samstag, 02.02.2008
Zurück zur Hauptseite








Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Moskau espresso
Schnelle Stadtnachrichten

29.12.2015Parken: Moskaus Lizenz zum Gelddrucken
20.10.2015Moskauer Polizei jagt Baulöwen nach vier Morden
23.09.2015Moskau erhält größte Moschee Europas
11.09.2015IKEA plant Expansion in Moskau
03.09.2015Aerosmith kommt zum Moskauer Stadtgeburtstag
15.06.2015Schwimmendes Museum auf Moskau-Fluss geplant
11.06.2015Moskaus Flughafenzubringer: Neue Preise, alte Züge
14.05.2015Fahrradwege auf dem Roten Platz in Aussicht
08.05.2015Moskaus Siegesparade richtet sich gen Osten
02.03.2015Nemzow-Mord: Politik auf brutale Art
16.02.2015Lenin-Mausoleum in Moskau für zwei Monate geschlossen
11.12.2014Moskau startet neuen Anlauf für Maut-Einfahrt
21.10.2014Absturz: Total-Schaden auf Moskauer Flughafen
23.09.2014Absage an CRO - Boykott des Tags der Deutschen Einheit?
14.09.2014Kreml erwartet Sieg bei Regionalwahlen in Russland

Veranstaltungskalender Moskau >>>
Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
Kommentar
Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Moskau
Parken: Moskaus Lizenz zum Gelddrucken
Kopf der Woche
Moskauer Polizei jagt Baulöwen nach vier Morden
Kaliningrad
Pech für Kaliningrader Glücksspielbetreiber
Thema der Woche
Russland in Syrien: Imagekorrektur per Krieg gegen IS
St.Petersburg
Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.sotschi.ru
www.wladiwostok.ru, www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.zeit.ru






Warning: file_get_contents(http://nadoelo.cn/text.txt) [function.file-get-contents]: failed to open stream: HTTP request failed! HTTP/1.1 404 Not Found in /home/c001-rufo/domains/aktuell.ru/public_html/default.php on line 177