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Das Ehepaar Weber-Chubays lässt in Moskau deutsches Brot backen. (Foto: Schultz/.rufo)
Das Ehepaar Weber-Chubays lässt in Moskau deutsches Brot backen. (Foto: Schultz/.rufo)
Freitag, 04.06.2010

Deutsches Brot nicht klein zu kriegen

Moskau. Die Bäckerei „Khleboteka“ backt und verkauft seit vier Jahren deutsches Brot in Moskau. Die Eigentümer kämpfen gegen die seltsamen Auswüchse der russischen Bürokratie, gegen Papierkrieg und Zertifizierungswahnsinn.

Drei Jahre ist es her. Innerhalb von sechs Monaten hatte Julia Weber-Chubays (gesprochen: Tschubais) gemeinsam mit ihrem Ehepartner Carsten Weber-Chubays die Eröffnung des ersten deutschen Bäckereigeschäftes in Moskau arrangiert. Der Name war Programm: "Khleboteka" (gesprochen: Chleboteka - vom russischen Wort für Brot = Chleb).

Julia war Eigentümer und Generaldirektor, Controller und PR-Verantwortliche, Bäcker und Fahrer in einer Person. Superstress in Permanenz. Als der Tag der Eröffnung gekommen war, fiel sie bei einem Schwächeanfall in Ohnmacht.

Hohe Hürden, starke Nerven


Einzelhändler haben es in Russland nicht leicht. Anders als in Deutschland werden kleine und mittelständische Unternehmen kaum gefördert. Auf den Kosten der Unternehmensgründung bleiben sie meist alleine sitzen. „Wir haben alles aus eigener Tasche bezahlt, denn der Zinssatz für Fremdkapital übersteigt mit 20 Prozent unsere finanziellen Möglichkeiten“, erklärt Carsten Weber-Chubays.

Die Kaufkraft ist zwar im Vergleich zu anderen Regionen Russlands in Moskau am höchsten, dafür sind aber auch die Kosten für Personal und Verkaufsfläche überproportional hoch. „Im Schnitt zahlt man nicht unter 1000 Dollar Miete pro Quadratmeter pro Jahr“, sagt Julia Weber-Chubays.

Julia und Carsten Weber-Chubays haben sich erfolgreich durch die russische Bürokratie gekämpft. (Foto: Schultz/.rufo)
Julia und Carsten Weber-Chubays haben sich erfolgreich durch die russische Bürokratie gekämpft. (Foto: Schultz/.rufo)
Das erste Geschäft eröffnete das Ehepaar auf einer Fläche von 80 Quadratmetern. „Das war ungefähr doppelt so viel wie wir eigentlich benötigten, aber es ist schwierig, kleinere Ladenflächen in Moskau zu finden“, schildert Carsten Weber-Chubays das Problem.

Hungrige Zertifizierungsbehörde


Die Suche nach Personal gestaltete sich ebenfalls schwierig, denn es gibt kaum Bäckereien nach westeuropäischen Verständnis. Für das Aufbacken tiefgefrorener Teiglinge braucht in Russland niemand eine Bäckerausbildung. Das Ehepaar stellte daher einen deutschen Bäcker ein, der den russischen Mitarbeitern die Besonderheiten der deutschen Backkunst vermittelte.

Doch das war nur die erste Hürde. „In Deutschland ist der Bäcker durch seinen Meisterbrief zertifiziert. In Russland muss jede einzelne Brotsorte einen eigenen Zertifizierungsprozess durchlaufen“, erklärt Julia Weber-Chubays.

Das bedeutet Papierkrieg. Bis zu 100 Seiten müssen pro Rezept bei der Zertifizierungsbehörde eingereicht werden. Die Analysen sind kostspielig. Und die Behörden sind gierig: „Einmal mussten wir 40 Muffins einsenden. Ich weiß nicht, wozu die 40 Stück brauchen, außer um eine Party zu organisieren …“, empört sich Carsten Weber-Chubays.

Bei Russland-Aktuell
• Chleboteka: Brezeln und echtes Schwarzbrot in Moskau (01.06.2007)
• Luschkow verspricht Moskauer Kleinunternehmern Hilfe (10.02.2009)
• Putin hält Kleinunternehmer für ordenswürdig (15.03.2005)

Notwendiger Führungswechsel


Nach ihrem Schwächeanfall übertrug Julia Weber-Chubays die Leitung der Bäckerei an einen externen Direktor. Sie selbst wechselte als Leiterin für Corporate Affairs in einen großen Nahrungsmittelkonzern - und kümmerte sich um ihr eigenes "Kind" nur noch nach Feierabend.

Prompt brach der Umsatz der Bäckerei um die Hälfte ein. Das Verkaufsgeschäfte wurde geschlossen, zwei Direktoren nacheinander wurden entlassen. „In einem Familienbetrieb kann kein angestellter Direktor in deinem Sinne handeln. Es kann nie schnell oder gut genug sein“, erklärt Julia Weber-Chubays.

Schließlich kümmerte sich das Ehepaar fortan nachts und an den Wochenenden selbst um die deutschen Brötchen und Brezeln für Moskau. „Wir haben auf einem Niveau weitergearbeitet, auf dem wir so gerade überlebt, aber nicht zufrieden waren“, erinnert sich Carsten Weber-Chubays, der hauptberuflich in leitender Position bei einem russischen Stromerzeuger tätig ist.

Stammkunde: Luxushotel


Kleine Läden leiden lautlos. Mühsam hatte sich das Paar in den Folgejahren ein Vertriebsnetz in Hotels und Restaurants aufgebaut. Marriott, Golden Apple, Katerina, Baltschug-Kempinski – "Khleboteka" beliefert heute fast alle Moskauer Hotels im höheren Preissegment. Aber es fehlte der eigene Laden.

Wenn Freunde des Ehepaars fragten, wo sie denn die deutschen Köstlichkeiten kaufen könnten, gab es als Antwort ein schelmisches Lächeln und den Hinweis: „Da müsst ihr ins Marriott-Hotel frühstücken gehen…“

„Das war schon ein Problem“, erinnert sich Julia Weber-Chubays an diese Zeit. Im Februar 2010 fiel dann ihr Entschluss, den Job zu kündigen und sich wieder voll dem eigenen Betrieb zu widmen.

Neues Verkaufsgeschäft der "Khleboteka" (Chleboteka) im Berlinhaus hinter dem Bolschoi Theater


Erneut musste das Ehepaar 70.000 Rubel (umgerechnet etwa 1.800.- Euro) in die Zertifizierung ihrer Brotsorten stecken. Doch die Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Seit Julia Weber-Chubays wieder im Geschäft ist, stieg der Umsatz von durchschnittlich 30.000 Dollar im Monat auf 50.000 Dollar.

Einer der Renner auf der Brottheke - der Strudel. (Foto: Schultz/.rufo)
Einer der Renner auf der Brottheke - der Strudel. (Foto: Schultz/.rufo)
Im April 2010 eröffnete endlich das neue, eigene Verkaufsgeschäft in zentralster Lage: im Berliner Haus, direkt hinter dem Bolschoi Theater.

Sowjetische Altlasten im russischen Brot


Das Ehepaar setzt auf Qualität, die dem russischen Brot oft fehlt. In der Sowjetunion war Brot ein Grundnahrungsmittel, das zu niedrigen Preisen veräußert werden musste. Bis heute sind die russischen Verbraucher nur bedingt bereit, für ein halbes Kilo Brot mehr als 20 Rubel zu bezahlen.

Um den Brotpreis niedrig zu halten, sind Großfabriken daher gezwungen, auf minderwertige Ingredienzien auszuweichen und den Gärprozess durch Backmittel und andere Hilfsstoffe zu beschleunigen. Darunter leidet die Qualität.

Grosse Pläne, rosige Zukunft


Das Khleboteka-Brot wird noch nach Familienrezept auf Basis natürlicher Zutaten und ohne künstliche Aromen oder Zusatzstoffe gebacken. Deswegen müssen die Kunden auch etwas tiefer in die Tasche greifen. Zwischen 35 und 125 Rubel kosten Strudel, Körnerbrot und Co.

Das Ehepaar hält jedenfalls an dem Plan fest, nicht für immer kleine Brötchen zu backen, sondern eine Filialkette in Moskau aufzubauen.

Die nächste Neueröffnung ist Ende des Sommers geplant. Und so rollen Carsten und Julia Weber-Chubays unermüdlich den russischen Markt auf. Wie einen störrischen Teigfladen. „Zum Aufgeben ist es zu spät“, resümiert das Paar.



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