Freitag, 13.12.2002

Gemächlich der Sonne entgegen – Im Zug nach Moskau

Sonnenaufgang in der Winterlandschaft betrachtet aus dem Zugfenster (Foto: Ballin/.rufo)
Moskau. Ein Glas Tee und der Blick auf verschneite Wälder oder gelbe Kornfelder. 30 Stunden Fahrt durch vier Länder, viel Zeit zum Lesen, oder Reden. Eine Zugreise nach Moskau ist heute kein Abenteuer mehr.
Schon lange müssen Reisende am Grenzbahnhof Brest nicht mehr die Züge wechseln – früher war das notwendig, weil die Gleise auf beiden Seiten der Grenze unterschiedlich breit sind und es noch vor wenigen Jahren keine andere Möglichkeit gab. Auch sind die Tage vorbei, als verhärmte Zöllner Unterwäsche und Rasierutensilien nach zersetzender Literatur durchwühlten.

Neue Verbindungen zwischen Ost und West


Jahrelang wurden die Bahnverbindungen zwischen Russland und Westeuropa ausgedünnt. Der legendären Ost-West-Express, der Jahrzehnte lang Moskau und Paris verband, ist Mitte der 90er Jahre aus dem Fahrplan verschwunden. Heute gibt es nur noch einen Kurswagen, der direkt zwischen Paris und Moskau verkehrt.

Doch inzwischen hat ein Umdenken bei der RZD eingesetzt. Mit einem Zug nach Nizza, der auch in Wien, Innsbruck und im Südtirol Station macht, versucht die Russische Bahn sich auch als Tourismus- und nicht als reiner Transportanbieter.

Regelmäßige Verbindung nach Berlin


Auch der Moskau-Berlin-Express verkehrt im Sommer fünfmal, im Winter drei Mal in der Woche vom Berliner Bahnhof Zoo bis zum Weißrussischen Bahnhof in Moskau.

Direkte Kurswagen nach Wien und Basel (über Karlsruhe) verkehren täglich. Andere Verbindungen wie beispielsweise nach Frankfurt am Main wurden eingestellt. Die Eisenbahn ist einerseits zu langsam, andererseits zu teuer, um mit dem Flugzeug oder den vielen neuen Linienbus-Verbindungen zu konkurrieren.

Komfort nicht auf höchstem Niveau


Leider setzt die russische Staatsbahn für ihre Fahrten gen Westen nicht die besten Waggons ein. Der Moskau-Berlin-Express liegt beim Komfort weit hinter dem, der etwa zwischen Moskau und St. Petersburg verkehrt.
Doch insgesamt fährt man auch hier durchaus komfortabel in den Schlafwagenzügen der russischen Bahn. Anders, als bei russischen Inlandsverbindungen, teilen sich in der 2. Klasse nicht vier, sondern drei Passagiere ein Abteil. Die Betten befinden sich übereinander. Die von den russischen Reisenden mitgeführte Gepäckmenge steht gewöhnlich in einem krassen Widerspruch zu dem im Abteil vorhandenen Stauraum.

Transitvisum für Weißrussland nötig


Seit Frühjahr 2000 ist für eine Zugfahrt nach Moskau auf jeden Fall ein weißrussisches Transitvisum erforderlich, dass vor der Abfahrt beim Konsulat in Berlin oder Bonn (oder Moskau) beantragt werden muss. Reisende ohne Transitvisum müssen den Zug an der polnisch-weißrussischen Grenze verlassen.

Die weißrussischen Grenzschützer und Zöllner verhalten sich heute größtenteils korrekt und teils sogar freundlich. Nur gelegentlich gebähren sie sich noch wie zu Zeiten des schlimmsten Kalten Krieges. In Einem hat sich an den strengen Grenzregeln nichts geändert: Während des bis zu dreistündigen Fahrwerk-Wechsels in Brest bleiben die Zugtoiletten geschlossen.

Abenteuer an der Grenze


Abenteuerlich sind an der Grenze allenfalls die Mitarbeiter der polnischen Bahngesellschaft PKP. Die versuchen oft in recht aufdringlicher Manier Reisende zu überreden, in Brest gekaufte Schnaps-Flaschen in deren Abteilen nach Polen zu schmuggeln. Gelegentlich verlangen die polnischen Kontrolleuere auch irgendwelche Strafen für angebliches Übergepäck, lassen aber gewöhnlich von ihren Opfern ab, wenn die sich weigern und belästigen auch eher russische, als westeuropäische Passagiere.
Zumindest in West-Ost-Richtung sind die Züge meist pünktlich auf die Minute, da bei Zeitrückstand die Zwischenstopps verkürzt werden. Umgekehrt kommen die Züge aus Moskau oft auch mit über einer Stunde Verspätung in Warschau oder Berlin an, wegen der langen Grenzkontrollen.