Anstelle des abgerissenen Hotels Intourist (hinter dem
Freitag, 29.07.2005
Moskauer Hotelpolitik: Abreißen, dann weitersehen
Karsten Packeiser, Moskau. Beim Blick auf die Hotelrechnung verlieren viele Moskau-Besucher die gute Laune. Es gibt kaum gute Mittelklasse-Zimmer, aber Überfluss im 5-Sterne-Bereich. Ein Hintergrundbericht.
Die Moskauer Hotel-Szenerie ist in jeder Hinsicht rekordverdächtig. In Moskau steht mit dem riesigen Beton-Komplex von „Ismailowo“ das größte Hotel der Welt, außerdem hatte die russische Hauptstadt mit dem 1957 eröffneten Zuckerbäcker-Wolkenkratzer des „Ukraina“ Jahrzehnte lang auch das höchste Hotel Europas. Im Zuckerbäcker-„Leningradskaja“ hängt der längste Kronleuchter der Welt.
Doch von derartigen Rekorden abgesehen entspricht der Hotelmarkt Moskaus nicht dem Niveau einer Weltmetropole mit über zehn Millionen Einwohnern. Derzeit (Stand 2004) gibt es in der russischen Hauptstadt insgesamt gerade einmal etwa 64.000 Hotelbetten. Besonderer Nachholbedarf besteht im Mittelklasse-Sektor.
Allen Versprechen der Stadtregierung zum Trotz hat das Defizit an bezahlbaren Hotelzimmern in den vergangenen Jahren aber noch weiter zugenommen. Denn die Preise steigen immer schneller. Um bis zu vierzig Prozent hoben die Moskauer Hotels im Jahr 2005 ihre Dollar-Tarife an.
Bei schätzungsweise 70 Prozent der Moskauer Hotel-Kundschaft handelt es sich bislang um Geschäftsleute, für die der Preis nicht der wichtigste Faktor ist. Touristen würden jedoch durch die hohen Zimmerpreise von einem Moskau-Aufenthalt abgeschreckt, fürchten Kenner der Reisebranche.
Ein Doppelzimmer im „Solotoje Kolzo“ („Goldener Ring“) kostet inzwischen 450 $, statt wie im Vorjahr 300 $, rechnete eine Wirtschaftszeitung vor. Im „Orljonok“ („Kleiner Adler“) sei eine Übernachtung mit 175 $ sogar fast doppelt so teuer geworden, wie noch vor einem Jahr. Mehr oder weniger preiswerte Unterkünfte gibt es inzwischen nur noch am Stadtrand.
Rundumbetreuung durch Intourist
Zu Zeiten der Sowjetunion war das Moskauer Hotelangebot stets auf die Bedürfnisse von Parteitagen und großen ausländischen Reisegruppen ausgerichtet. Reisende aus dem Westen, die alle Arrangements über das allmächtige staatliche Reisebüro Intourist treffen mussten, hatten noch nicht einmal einen Anspruch, in dem Hotel untergebracht zu werden, das sie gebucht hatten.
Intourist setzte für Touristen auch eine Höchstaufenthalts-Dauer in der Welthauptstadt des Kommunismus fest. Übernachtungen von Besuchern aus dem „kapitalistischen Ausland“ in Privatwohnungen waren gleichzeitig bis in die Perestroika-Zeit hinein streng verboten.
Immerhin hinterließen die Sowjetplaner deutliche Spuren auf dem Moskauer Hotelmarkt. Eine größere Anzahl von Hotels war in den ersten Nachrkriegsjahrzehnten rund um das damalige Gelände der sowjetischen Volkswirtschaftsausstellung entstanden. Vor den Olympischen Spielen 1980 ließ die Regierung etliche gesichtslose Großhotels am Stadtrand bauen („Ismailowo“, „Kosmos“, „Saljut“ und andere), um die Sportfans aus aller Welt unterzubringen, die wegen des Olympia-Boykotts dann aber gar nicht so zahlreich wie erhofft nach Moskau kamen.
Heute sind die meisten großen, internationalen Hotelketten in der Stadt vertreten. Kempinski eröffnete noch vor dem Zerfall der Sowjetunion mit dem „Baltschug“ das erste echte Luxus-Hotel des Landes. Sheraton, Hyatt und Radisson betreiben inzwischen eigene Häuser in der russischen Metropole, Marriott sogar gleich drei.
Ritz Carlton baut ein Fünf-Sterne-Hotel gegenüber dem Gebäude der Staatsduma an der Stelle des alten „Intourist“. Im Juli 2005 wurde das neue Swisshotel Riverside Towers eröffnet, das in einem 34 stöckigen Hochhaus-Neubau untergebracht ist. Die Kette „Four Seasons“ hat sich immerhin schon ein Grundstück in Kreml-Nähe ausgesucht.
Die Consulting-Firma Jones Lang LaSalle warnte bereits, Moskau drohe ein Überangebot an Luxus-Hotels. Die Behörden müssten mit Beschränkungen gegen den Boom der 5-Sterne-Herbergen vorgehen, um den Markt vor dem mittelfristigen Zusammenbruch zu bewahren.
Stadt Moskau bleibt Großeigentümer
Sollten auch in Zukunft so viele neue Hotels der Luxus-Klasse eröffnet werden, würden deren Auslastung und damit auch die Profite dramatisch einbrechen. Gegenwärtig allerdings lässt sich in Moskau aber bei vergleichbaren Baukosten mit Unterkünften für ein reiches Elite-Publikum noch deutlich mehr Geld verdienen, als mit Projekten, die auf preisbewusste Gäste aus der Mittelklasse abzielen.
(Dieser Überblick über die Moskauer Hotel-Szenerie wird in den nächsten Tagen mit einer Darstellung der Ausbaupläne der Moskauer Stadtregierung fortgesetzt.)
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