Auf diesen Anblick müssen Moskauer und Touristen derzeit verzichten: Das Bolschoi Theater vor Beginn der Renovierung (Foto: Siegmund/.rufo)
Mittwoch, 19.07.2006
Bolschoi-Renovierung: Das Geld wird knapp
Moskau. Baugerüste verdecken die Säulenpforte. Die Quadriga darüber steckt in einem Holzverschlag. So präsentiert sich eines der Wahrzeichen Moskaus. Seit einem Jahr wird das Bolschoi-Theater renoviert.
Dabei gibt es nun unvorhergesehene Probleme: In diesem Juni wurden 15 durchgehende Risse in der auf den Theaterplatz gehenden Fassade, zwei Außenwänden und der halbrunden, den Zuschauerraum auf der Logenseite eingrenzenden Innenwand entdeckt.
Ihre Beseitigung kostet mehr Geld, als ursprünglich für Reperaturen am Mauerwerk vorgesehen war, erfordert andere Technologien und führt zu einer Verzögernung der Bauarbeiten um voraussichtlich drei Monate. Das Gebäude wird mit Stahlbandagen verschnürt. Das Eintreiben von Betonpfählen unter die morschen Natursteinfundamente muss bis dahin ausgesetzt werden.
Schon im zurückliegenden Jahr wurde das Bolschoi von Skandalen erschüttert. Politische Gegner warfen dem Leiter der Staatsagentur für Kultur und Filmkunst, Ex-Kulturminister Michail Schwydkoi vor, die Kosten mit fast 800.000 Euro bewusst viel zu hoch angesetzt zu haben. Als Folge wurde die Finanzierung vom Ministerium für Handel und wirtschaftliche Entwicklung zweimal zusammengestrichen – insgesamt auf fast die Hälfte. Jetzt reicht das Geld nicht mehr. Der Haushaltsplan ist längst verabschiedet, so dass von staatlicher Seite nichts mehr zu erwarten ist.
An Neuaufführungen sparen
Bei der Pressestelle des Theaters heißt es bereits unverhohlen, dass man an neuen, kostspieligen Aufführungen, Verzierungen und Hilfsräumen sparen will. Schon in der auslaufenden Spielzeit hatte man auf La Traviata verzichtet. Im nächsten Jahr soll es vier an Stelle von fünf urspünglich geplanten Neuaufführungen geben. Wie die „Nowyje Iswestija“ berichtete, wurden die Bautermine bislang eingehalten. Der Kristallleuchter, Möbel und Goldverzierungen wurden zur Restaurierung geschickt. Blattgold wird nicht auf neuen Klebstoff, sondern auf eine nach alten Rezepten angerührte Mischung aus faulen Eiern, Tonerde und Walspermien aufgetragen. Originalfragmente sollen so wenig wie möglich geändert werden.
Bolschoi-Direktion: Risse sind kein Beinbruch
Im Juni hatte der britische „Guardian“ behauptet, das Theater sei bereits tot. Die Bolschoi-Direktion erwiderte, durchgehende Risse seien schon schlimm, bei alten Bauwerken jedoch nichts Sensationelles. Es gebe Routinemethoden, um sie zu beseitigen. In dem Zeitungsartikel hieß es außerdem, Schwydkoi habe zugegeben, dass ein Neubau billiger gewesen wäre. In Wahrheit hatte der bekannte Kulturpolitiker gesagt, ein Nebau wäre zwar billiger gewesen, es gehe aber darum, die historische Bausubstanz zu erhalten. Der „Guardian“ musste dementieren.
Luschkow schmollte und ging
Mit „Neubau“ war ein Stichwort gefallen. Im Februar trat der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow als Co-Präsident des gesellschaftlichen Aufsichtsrates der Theaterrenovierung wegen der bereits erwähnten angeblich zu hohen Baukosten zurück. Er hatte gehofft, Bauaufträge bei ihm nahe stehenden lokalen Moskauer Baufirmen unterbringen zu können. Die russische Zentralregierung bestand jedoch darauf, die Aufträge selbst zu verteilen.
Das Moskauer Bauwesen arbeitet besonders in letzter Zeit mit Methoden, die in der Presse mit denen der sizilianischen Mafia aus den 1950er Jahren verglichen wurden. Die historische Manege am Kreml, die selbst den verheerenden Brand beim Einmarsch Napoleons überstanden hatte, ging just am Abend der Wiederwahl von Präsident Wladimir Putin in Flammen auf, wegen eines elektrischen Kurzschlusses, wie es hieß.
Moskauer Firmen profitierten vom Wiederaufbau. Insgesamt neigen sie dazu, Nachbauten an Stelle historischer Bauwerke zu errichten. Als Beispiele seien der Moskauer Gasthof, das Hotel Moskwa und die Erlöserkathedrale erwähnt.
(adu/.rufo)
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