Donnerstag, 30.10.2003

S’ART

Moskau. S’ART – der Name kann vielfältig ausgelegt werden. Manche Journalisten entschlüsseln ihn mit „Sowremenny ART“ – zeitgenössische Kunst oder „Sam ART“ – selbstgestaltete Kunst oder einfach „Super ART“.
Ursprünglich bedeutete das „S“ jedoch „Sowjetski“, weil die Galerie 1990, noch zu Zeiten der UdSSR, gegründet wurde, sagt der Besitzer Pjotr Wois. Heute steht der Buchstabe ausschließlich für „soziale Kunst“.
Wois hat zwei Credos. Erstens: Kunst muss sozial sein. Künstler sehen immer mehr als Normalbürger. Deshalb sollten sie die gesellschaftlichen Verhältnisse abbilden und den Finger in die Wunde legen. „Das ist der neue Realismus.“ Zweitens: „Kunst steht immer in Opposition zum herrschenden System und zur Macht.“


Getreu diesen Leitsätzen veranstaltet S’ART seit 2000 eine Ausstellungsreihe unter dem Oberbegriff „aktuelles Russland“. Die Arbeiten sind kritische Reflexionen aktueller Ereignisse im politischen und sozialen Leben Russlands. 30 Sonderausstellungen hat Wois bereits im Rahmen dieses Projektes organisiert. Dabei arbeitete er mit fast allen derzeit bekannten russischen Künstlern zusammen. Natürlich verkauft er auch deren Arbeiten in seiner Galerie.rn

rnDer Besitzer von S’ART ist eigentlich Architekt. Zu Sowjetzeiten hat er Gebäude entworfen. Doch mit dem Zerfall des alten Systems wurde auch sein Institut aufgelöst. „Ich musste mir etwas Neues einfallen lassen“, erzählt Wois. „Da ich schon von früher viele Künstler kannte und auch Ausstellungen organisiert hatte, lag es nahe, eine Galerie zu gründen.“ Als Architekt möchte er nicht mehr arbeiten: „Die Architektur dient immer der Macht – in unserem Fall den Oligarchen. Das hat mir noch nie gefallen.“rn

rnInnerhalb der ersten zehn Jahre organisierte die S’ART viele Ausstellungen russischer Künstler im Ausland – Rom (1990), Paris (1993), Seoul (1995), Straßburg (1996), Luxemburg (1997) und Baden-Baden (1999). Außerdem sammelte Wois zeitgenössische Kunst mit dem Schwerpunkt „sozialistischer Realismus“ der 40er bis 60er Jahre. Viele Bilder und Objekte aktueller Künstler hat die Galerie aber ebenfalls in ihrer Kollektion. Insgesamt circa 1.000 Meisterwerke.rn


Adresse:
Semljanoi Wal 14
(Eingang vom Mali Kasenni Pereulok)
Metro: Kuskaja
Tel. 916 03 66
Wois’ neuestes und größtes Projekt: Die Edition der ersten „illustrierten Ausgabe der russischen Verfassung“. 137 namhafte russische Künstler haben einzelne Artikel der Verfassung auf ihre Weise bildlich interpretiert und hinterfragt. Ende 2003 wird das Buch im Museum für zeitgenössische Kunst der Öffentlichkeit vorgestellt.
Unterstützer und Sponsoren für das Vorhaben fanden sich kaum. Selbst Kulturminister Michael Schwydkoi - ein keineswegs konservativer Politiker – lehnt es ab, das Vorwort für die „illustrierte Verfassung“ zu schreiben.
Zu kritisch ist die Auseinandersetzung der Künstler mit dem russischen Staat. Aber das, meint Pjotr Wois, ist genau richtig so.

(sp/rufo)