Nachts bot das Bolschoi Theater immer einen imposanten Anblick (Foto: Djatschkow/.rufo)
Donnerstag, 11.08.2005
Kleingeld für Renovierung des Bolschoi Theaters
Moskau. Die Bolschoi-Leitung ist in Rage: Der Präsident persönlich versprach für die Renovierung des Theaters eine Milliarde USD. Jetzt sind es 316 Millionen, die für eine ordentliche Sanierung nicht reichen.
Versprochen ist bekanntlich versprochen, nicht so aber im Fall mit der Renovierung des Bolschoi-Theaters. Präsident Wladimir Putin, der das Theater persönlich besichtigte und der Theaterleitung für die Renovierung das immense Sümmchen von einer Milliarde US-Dollar aus dem russischen Haushalt zusicherte, hat mit dem Finanzierungsrückzieher jedoch nichts zu tun.
Aus der Milliarde Dollar wurden bereits im März dieses Jahres 880 Millionen. Diese Summe hielt Michail Schwydkoi für ausreichend. Der kalkulierende Chef der Föderalen Agentur für Kultur und Film sagte damals, dass ein Drittel des Geldes für die Zierrat-Vergoldung ausgegeben werden solle. So viel sei laut Schwydkoi nötig, um dem Theater seinen alten zaristischen Glanz wieder zu geben.
Sparen und korrumpieren
Diese Summe erschien Wirtschaftsminister German Gref zu hoch. Er mahnte die Theaterleitung, das Budget auf 316 Millionen USD zu senken.Gref forderte allgemein zu größerer Sparsamkeit im Lande auf, feierte seine eigene Hochzeit allerdings in Peterhof, der prunkvollen Sommerresidenz Peters des Großen.
Falls die Baufirma, die mit der Renovierung beschäftigt ist, mit dieser Kalkulation nicht einverstanden sein sollte, so kenne Gref auch alternative Auftragnehmer – die beiden Firmen Mercata Trading und Mabetex.
Die österreichische Mabetex gehört Dmitri Amunz, dem stellvertretenden Kulturminister. Bei der in der Schweiz eingetragenen Mercata Trading hat Viktor Stolpowskich das Schlusswort. Seine Firma renovierte den Kremlpalast. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelte in der Vergangenheit gegen beide Unternehmen wegen Geldwäsche und Korruption. Allerdings wurden die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt.
Nikita Schalgin, momentan noch Chefarchitekt und Hauptverantwortlicher für die Theaterrenovierung, kann den Beschluss Grefs nicht fassen: „Mit dieser Summe wird es keine Renovierung geben, sondern nur eine kosmetische Retuschierung“, resümiert er empört. „In 15 Jahren steht das Theater wieder sanierungsbedürftig da“. Nach Meinung des Chefarchitekten kann die ursprünglich eingeplante Summe das Bolschoi wenigstens die nächsten 70 Jahre über (Grund-)Wasser halten.
Denn dieses unterspült das Fundament des 230 Jahre alten Gebäudes. Deswegen wollten die Instandsetzer zunächst mit 200 unterirdischen Stahlsäulen das Gebäude stützen. „Es gibt drei Möglichkeiten von Krankheitsbehandlung: die Chirurgie, die Therapie und die Homöopathie“, zieht Nikita Schalgin den Vergleich. Die Stahlträger unter dem Theater seien laut Architekt eine homöopathsiche Maßnahme. Und wenn das Etat jetzt gekürzt werden sollte, so will Nikita Schalgin kündigen: „Mit dieser Summe können wir kaum etwas ausrichten“.
Im Bolschoi (Foto: Archiv)
Es gibt viel zu tun
Dabei wäre viel zu tun. Das Projekt sah eine komplette Sanierung des Theaters vor. Unter der Erde sollte ein neuer Probe- und Konzertsaal entstehen. Die Hauptszene sollte aus vier beweglichen Platformen neu aufgebaut werden. Zusätzlich war ein durchsichtiger Transportlift an der Fassade geplant, der die Dekorationsteile vor aller Augen zur Hauptszene transportiert. Traditionell sollte der Orchestergrube ihre ursprüngliche ovale Form wiedergegeben und eine Orgel installiert werden. Doch diese Pläne sind vorerst wahrscheinlich vom Tisch.
Neueröffnung wird verschoben?
Die Theaterleitung sei laut „Nowyje Iswestia“ zwar auch empört, will aber zum 1. September dieses Jahres einen neuen Renovierungsvorschlag vorlegen. Diesem Plan steht Chefarchitekt Nikita Schalgin allerdings kritisch gegenüber: „Es vergeht mindestens ein Jahr, bis das Projekt von allen Instanzen – der Feuerwehr, der Denkmalschutzbehörde und dem Bauamt akzeptiert wird“.
Der Kenner der russischen Bürokratie ist sicher, dass die Neueröffnung des Bolschoi – momentan noch auf den 1. September 2007 festgesetzt – auf ungewisse Zeit verschoben wird. Für das Theater wäre das jedoch nichts neues: Offiziell befindet sich das Bolschoi bereits seit 15 Jahren in der Renovierungsphase.
(ali/.rufo)
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