Blaubart - Der Name verpflichtet (Foto: Dubatow/.rufo)
Freitag, 14.04.2006
Neues europäisches Theater in Moskau
Moskau. Das erste zeitgenössische deutsche Stück ist in Russland an der Moskauer Theaterhochschule GITIS aufgeführt worden. Das Moskauer Goethe-Institut und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) standen Pate.
„Blaubart – Hoffnung der Frauen“ von Dea Loher wurde 1997 am Bayerischen Staatstheater, München, 1997 uraufgeführt. Die 1964 in Traunstein geborene Dramatikerin war schon 1993 für „Leviathan“ als Nachwuchsautorin des Jahres ausgezeichnet worden. Mittlerweile erhielt sie den Brecht-Preis der Stadt Augsburg. Mit ihren 19 Stücken gehört die in Berlin lebende Loher zu den meistgespielten deutschen Autoren. Für die Moskauer Aufführung wurde der „Blaubart“ vom Goethe-Institut ins Russische übersetzt.
Nomen est Omen – aus Schuhhändler wird Mörder
Nur seine erste Geliebte, die 17jährige Julia, wählt den Freitod. Ganz unschuld ist der junge Schuhhändler Heinrich Blaubart daran freilich nicht, denn er hat ihr die Liebe verweigert. Alle darauf Folgenden bringt Heinrich bewusst um, sobald es ihm zuviel wird: durch Messerstich, Todesschuss, Schlinge oder Würgegriff, bis seine letzte Liebe, die er irrtümlicherweise für Julia hält, ihm die Kehle durchschneidet. Blaubart kann nicht anders, weil der Name verpflichtet.
Heiterkeit trotz Leichenbergs
Schuhprobe mit der neuen Liebe (Foto: Dubatow/.rufo)
Tierischer Ernst hätte diese plump traurige Geschichte hoffnungslos öde erscheinen lassen müssen, zumal in dem unter „Tschernucha“ (grimmige Schwarzmalerei) stöhnenden Moskau. So wie das Stück gespielt wird, sorgt es aber für Heiterkeit. Nachdem der Kommentator gesagt hat: „Er ersticht sie (erschießt, erwürgt etc.)“, setzten sich die „Getöteten“ abseits an einen Kaffeetisch und verfolgen belustigt das weitere Geschehen. Witzige Sprüche („Sex mit einer Blinden erweitert unheimlich den Rundumblick“) lockern die Handlung auf.
Zara Leander und Marlene Dietrich schwingen mit
In der Brechtschen Manier tritt jede Frau vor die Bühne, um ihre spezielle Geschichte zu erzählen. Die Songs (Lieder von Zara Leander und Marlene Dietrich) werden in deutsch vorgetragen – nahezu akzentfrei. Die atmosphärische Mischung aus München und der „Swinging City“, dem Berlin der frühen 30er Jahre, dürfte auch ganz im Sinne des großen Augsburgers sein. Dazu die Musik von Brahms als Mahnung an die besondere Art der Realitätsbewältigung durch die Frau („Amez vous Brahms?“).
Jeder Neuen probiert Heinrich einen Schuh an oder legt wenigstens eine warme Brandsohle in den durchgelaufenen ihrigen hinein. Die Aschenputtelparallele ist unübersehbar, nur erweist sich der schöne Prinz in dem Stück als kaltblütiger Mörder. Eine Moskauer Spezialität: Jedes Liebesabenteuer beginnt mit einem Becher Speiseeis. Ein eigens dafür in die Handlung eingeführter kleiner Eisverkäufer schafft ihn heran. Der russische Zuschauer wird damit an den wunderschönen, alten sowjetischen Schwarzweißfilm mit der unvergessenen Faina Ranjewskaja als Aschenputtels Stiefmutter erinnert.
Darsteller mussten umlernen
Lohers „Blaubart“ unterscheide sich grundsätzlich vom russischen Theater, sagt die Berliner Dramaturgiedozentin Ruth Wyneken, der eigentliche Motor der Moskauer Aufführung. In Russland herrsche heute noch psychologisches Theater. Die Stundenten habe sie faktisch umschulen müssen, weil diese auch nichts anderes als das gelernt hatten. Geklappt habe es bei den wenigsten, meint die Regisseurin. Gleichwohl sind die ertsen Zuschauer (Freunde, Kollegen, Journalisten und Mitarbeiter des Goethe-Instituts und des DAAD) begeistert. Tatsächlich wirkt die Aufführung nicht als Studenten-, sondern als richtiges Erwachsenentheater.
Offizielle Premiere im Mai
Die offizielle Premiere soll erst irgendwann im Mai stattfinden. Das Teuflische des Stücks färbte auf das tägliche Leben ab. Der GITIS-Professor Oleg Kudrjaschow landete Ende März nach einer Herzattacke in einer Moskauer Klinik. Ohne ihn geht es nicht, weil er als Hauptregisseur fungiert. Auch ist es seine Klasse, die im „Blaubart“ spielt. Schön wäre es, wenn sie damit einmal vor das breitere Moskauer Publikum treten könnte. Es lohnte sich allemal.
(adu/.rufo)
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