Sonntag, 20.03.2005

Von Stalin bis Jelzin - Moskau wächst

Die Ewige Flamme für den Unbekannten Soldaten im Alexandrowski-Garten (Foto: Archiv)
Der Große Vaterländische Krieg erschöpft die Sowjetunion. Dennoch träumt Stalin weiter von der kommunistischen Vorzeigemetropole.
So werden in den Jahren 1949 bis 1956 auf den sieben Hügeln Moskaus sieben prunkvolle Wolkenkratzer im sozialistischen Klassizismus-Baustil gebaut, unter anderem die Lomonossow-Universität auf den Sperlingsbergen und das Hotel „Ukraina“.
1953 stirbt Josef Stalin. Die neue Führungsspitze unter Nikita Sergejewitsch Chruschtschow sieht sich mit einigen Problemen konfrontiert: Stalin setzte auf riesige Zuckerbäcker-Paläste und megalomanische Verwaltungsgebäude. Dabei hatte er aber völlig seine geliebte Arbeiterklasse außer Acht gelassen - der Wohnungsbau kam so gut wie gar nicht voran.

Sparen, sparen, nochmals sparen


In der Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates herrschte akute Wohnungsnot und Chruschtschow rief zu landesweiten Sparmaßnahmen auf. In der Architektur blieb nichts vom stalinistischen Prunk übrig. Rationalismus war angesagt. Der Bau eines Verwaltungskomplexes in Saradje wurde 1954 eingefroren. Zehn Jahre später wurde hier das größte Hotel Russlands eröffnet – das „Rossija“.
In den Außenbezirken entstehen in kürzester Zeit „Chruschtschoby“ (Plattenbau-Siedlungen) wie Wychino, Chimki oder Nowyje Tscherjomuschki.

Wohnraum dank Plattenbau


Die Billig-Häuser lösen immerhin das Problem Wohnungsmangel: Innerhalb von 15 Jahren (1958 bis 1973) bekommen 1,4 Millionen Moskauer eine Sozialwohnung.
1971 entwirft die Breschnew-Regierung das Projekt „Wir verwandeln Moskau in die kommunistische Musterstadt“. Der Plan sieht eine 20-jährige Umbauphase vor. Die Stadt soll in jeder Beziehung jeder westlichen Stadt um Längen voraus sein. Ergebnisse jenes Plans sind der Nowy Arbat (ehemals Kalinin-Prospekt) und das Olimpiski-Stadion.
Das politische Bauvorhaben bleibt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 unerfüllt. Dieses hat aber auch seine schlechten Seiten: So sollte das U-Bahnnetz laut Plan bis 2005 auf 360 Kilometer Gesamtlänge ausgebaut werden - dieses Ziel wurde nicht erreicht.



Staatsstreich und postkommunistischer Prunk


Im August 1991 versuchte der Konservative Flügel der kommunistischen Partei einen Putsch. Die Putschisten beriefen sich auf die Volksabstimmung vom März 1991, in der sich die überwältigende Mehrheit der Wähler für den Erhalt der staatlichen Einheit ausgesprochen hatte. Die Putschisten wollten die bröckelnde UdSSR mit allen Mitteln retten und riefen die Diktatur aus.
Armee-Einheiten wurde herangezogen, Staatsoberhaupt Gorbatschew auf seiner Datscha auf der Krim arrestiert, die jungen demokratischen Massenmedien verboten. In Moskau herrschte Ausnahmezustand. Präsident Boris Jelzin rief zur Verteidigung der Demokratie auf, Moskauer Bürger folgten seinem Ruf und gingen auf die Straße. Der Putsch-Versuch misslang.

Zerfall der Sowjetunion


Der endgültige Zerfall der Sowjetunion wurde dadurch beschleunigt. Am 08. Dezember 1991 unterzeichneten Weißrussland und die Ukraine das GUS-Abkommen. Die Sowjetunion wurde nach 74-jährigem Bestehen aufgelöst. Gleichzeitig wurde Moskau zur Hauptstadt der Russischen Föderation.

Nach dem Zerfall beginnt eine schwere Zeit für Russland. Die Stichworte sind - Reformen, Privatisierung, Massenarmut, Oligarchen, Tschetschenienkrieg. Neuordnungen betreffen auch Moskau. Anstelle des Obersten Sowjets tritt die Stadtduma. Ministerien, Ämter und Behörden werden umorganisiert. Das Stadtgebiet wird nach Verwaltungsbezirken und Präfekturen aufgeteilt. Die Stadt wird zentraler, als je zuvor. Hier wird Russlands Politik gemacht.

Die Stadtverwaltung wird zentralisiert


1991 wird der Posten des Bürgermeisters eingeführt. Der erste Gemeindevorsteher heißt Gawriil Popow. 1992 muss er seinem Stellvertreter, dem jetzigen Bürgermeister Juri Luschkow weichen.
Unter dem neuen Stadtoberhaupt entwickelt sich ein Bau- und Renovierungsboom. Was nicht passt, wird passend gemacht. So müssen zum Beispiel Wojentorg und andere historischen Gebäude modernen Banken, Großunternehmen und Hotels weichen.

Bau- und Renovierungsboom unter Luschkow


Die unter Stalin abgerissene Christ-Erlöser-Kathedrale wird dank Privatinvestoren an ihrem alten Platz bei der U-Bahnstation Kropotkinskaja wieder aufgebaut. Die Tretjakowskaja-Galerie bekommt neue Ausstellungsräume.
1995, anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsendes, baut man im Osten der Stadt den Park Pobedy, eine Erinnerungs- und Museumsanlage. Luschkow bittet häufig den Moskauer Architekten und Bildhauer Surab Zereteli um Hilfe.
Der Georgier schuf unter anderem das Denkmal Zar Peters I. gegenüber der Erlöserkathedrale, gestaltete den Manege-Platz um, entwarf das darunter liegende unterirdische Ochotnyj Rjad-Kaufhaus.

(ali/.rufo)