Sonntag, 20.03.2005

Moskauer Ballet-Szene: Bühnenleben und Bühnenbeben

Der beeindruckene Innenraum des Bolschoj-Theaters (Foto: Archiv)
In Moskau gibt es außer dem Kreml auch Kaviar, Wodka und das Bolschoj Ballett. Aber selbst das Bolschoj-Theater – Symbol Russlands – wurde zur Skandalbühne, so im Streit um die Primaballerina Anastasija Wolotschkowa.
Es gibt derzeit unzählige Balletttruppen und -trüppchen in Moskau, die meist keine eigene Bühne haben und ihr Glück in fremden Häusern versuchen. Der Moskau-Aktuell-Ballettführer von Alexej Dubatow hilft bei der Orientierung.

Schlechte Akkustik


Das Kremlballett wurde vom Choreographen Andrej Petrow 1990 im vorletzten Jahr der Perestroika gegründet. Es hat eine eigene Bühne im Kongresspalast des Kremls. Das in den 60er Jahren für Parteitage der KPdSU aus Glas und Beton errichtete Gebäude war ursprünglich nicht als Theater konzipiert.
Die wichtigsten Moskauer Ballett-Truppen
• Das Bolschoj
• Stanislawski Musiktheater
• Imperski Russki Ballett
• Russki Ballett
• Ballett Moskwa
• Kreml Ballett
• Kindermusiktheater Natalja Saz
Der für 5.000 Parteitagsdelegierte ausgelegte Zuschauerraum hat eine Akustik, die ohne Lautsprecher versagt. Die Bühne ist für Ballettaufführungen zu groß. Die Tanzfläche muss mitunter künstlich begrenzt werden.

Der Kremlpalast war nur die Zweitbühne des Bolschoj


Früher fungierte der Kremlkongresspalast als Zweitbühne des Bolschoj-Theaters. Bolschoj-Vorstellungen im Kreml galten als zweite Wahl. Wer Karten für die Hauptbühne bekam, zog auf jeden Fall das historische Gebäude mit der Quadriga über der Säulenpforte vor.

Jetzt hat das Kremlballett das Haus hinter der gezackten Backsteinmauer für sich allein, mit einem Lager für Bühnenbilder und Kostüme und allem, was zu einem richtigen Theater gehört. Stars hatte es nie vorzuweisen. Kremlballett-Pädagogen mit der einst berühmten Tänzerin Jekaterina Maximowa an der Spitze verdienen aber unzweifelhaft großen Respekt.
Das Ballett Moskwa, eigentlich das „Russische Kammertheater Ballett Moskwa“ wurde ebenfalls als ein spätes Kind der Gorbatschowschen Perestroika vom Choreographen Nikolaj Bassin mit Unterstützung der Moskauer Lokalbehörden gegründet.
Es hat bis heute kein eigenes Haus und spielt auf fremden Bühnen, vorwiegend im Jugendtheater neben dem Bolschoj und im Majakowski-Theater. Bei den beiden Gastgebern handelt es sich um Sprechtheater. Ballett Moskwa hat drei Truppen, die klassische, die moderne Tanztruppe und das „Grafische Ballett“. Das Theater ist oft auf Reisen. 1997 gastierte es in München.
Das Russki Ballett des seinerzeit bekannten Tänzers Wjatscheslaw Gordejew hat ein Haus, das es fast sein eigen nennen kann. Es spielt im Gebietskulturhaus Kusminki am südöstlichen Stadtrand Moskaus. Mitte der 90er Jahre holte der Ex-Tänzer Wladimir Wassiljew, als er zum künstlerischen Leiter des Bolschoj-Theaters berufen wurde, Gordejew als Chef des Bolschoj-Ballets auf die wichtigste Bühne des Landes.

Als die beiden aber ein nicht länger zu leugnendes Fiasko erlebten, kehrte Gordejew zu seiner früheren Truppe zurück. Seither leistet er stets gute handwerkliche Arbeit, allerdings auch nicht mehr als das.

Von Primaballerina Plissezkaja gegründet: Das Reichsballett


Die Bezeichnung „Imperski Russki Ballett“ müsste man mit „Russisches Reichsballett“ übersetzen. In dem Namen schwingt jedoch ein Hauch von den „Kaiserlichen Bühnen“ mit und das war zu Zeiten der Oktoberrevolution nicht gern gehört und gesehen.

Zu den kaiserlichen Bühnen zählten vor der Revolution das Bolschoj und das St.Petersburger Marinski Theater. Die Theaterleitung schmückt sich heute wieder gern mit dem „Adelstitel“ – damit werde sowohl an die großen „Kaiser der Bühne“ erinnert, die den Weltruhm des russischen Ballets begründeten, als auch an die kaiserliche Familie, die „einen gewaltigen historischen Beitrag zur Entwicklung der russischen Kultur geleistet“ habe, heißt es auf der Internetseite des Theaters.
Das Imperski Ballett wurde 1994 von der langjährigen Primaballerina des Bolschoj, Maja Plissezkaja, gegründet. Sie galt auch als künstlerische Leiterin, ist es allerdings nur nominell. Da Plissezkaja ständig im Ausland lebt und nur selten nach Moskau kommt, wird das Theater in Wirklichkeit von dem früher gefeierten Tänzer Gediminas Taranda geleitet.

Die Namen der beiden ziehen junge Stars an, die diese Bezeichnung nicht zu scheuen brauchen. Das Imperski Ballett ist heute wohl das erfolgreichste Theater unter den Ballettruppen, die keine eigene Bühne haben. In Moskau spielt es vorwiegend in der Neuen Oper. Tänzerinnen und Tänzer erster Wahl aus dem Bolschoj wirken oft in Imperski-Aufführungen mit.

Das Stanislawski-Musiktheater gilt manchen als erste Adresse


Das Stanislawski-Musiktheater, nach dem großen Bühnenreformer benannt, liegt nur einen Straßenzug vom Bolschoj entfernt. Es war die ewige Nummer zwei der russischen Hauptstadt – das Bolschoj absorbierte die besten Künstler.

In den letzten Jahren begann sich für viele unerwartet eine Konkurrenz beider Bühnen im Opernbereich abzuzeichnen. Mitunter zogen Kenner das Moskauer Stanislawski-Theater der alten Kaiserlichen Bühne vor. Neuerdings steht auch eine interessante Entwicklung im Ballett bevor.

Das Musiktheater war längere Zeit zur Renovierung geschlossen. Das alte Haus wurde vollkommen umgebaut. Zwischenzeitlich spielte die Truppe teils im Bolschoj, teils auf anderen Moskauer Bühnen. Notgedrungen war sie oft auf Gastreisen.

Inzwischen ist das rekonstruierte Theater so gut wie fertig. Dem Vernehmen nach wird es ein hochmoderner Betrieb mit zwei Bühnen, Lagerräumen für Bühnenbilder und Kostüme, eigenen Werkstätten und sogar einer kleinen Ballettschule. Davon könnte sich das alte Bolschoj eine Scheibe abschneiden.
Das Stanislawski-Theater wird im September 2005 neu eröffnet. Es ist sicher kein Zufall, dass es einen neuen Ballett-Chef bekommt. Michail Lawrowski, ehemals herausragender Bolschoj-Tänzer und Choreograph, Professor an der renommierten Moskauer Theaterhochschule, Gastprofessor in Italien, den USA, Ex-Jugoslawien, Japan und Deutschland. Er bringt eine eigene Konzeption und eigene Aufführungen mit, darunter „Porgy and Bess“ und „Nischinski“. Akademischen Moder, eine Erbkrankheit des Bolschoj, braucht man bei ihm nicht zu fürchten.

Das Bolschoj muss auf eine Ersatzbühne umziehen


Die Wiedereröffnung des Stanislawski-Theaters überschneidet sich mit der Schließung des Bolschoj. Der „Große Schuppen“, wie das Bolschoj-Theater im Insiderjargon pietätlos genannt wird, schließt am 02. Juli 2005 bis zum Januar 2008 zur Renovierung. Ein Teil der Aufführungen wird im Herbst auf die nebenan neugebaute Kleine Bühne verlegt.
Große Ballett-Aufführungen und Opern wie „Spartak“ und „Boris Godunow“ wird man im Kreml-Kongresspalast sehen können.