Montag, 25.04.2011

Pastila in Kolomna: einen vergessenen Geschmack kosten

In solchen Schachteln wird die Pastila verkauft. (Foto: gorodmuz.ru)
Kolomna. Kolomna gilt als Heimat der Pastila, der früher in Russland bekannten Süßigkeit aus Fruchtpüree, deren Rezepte aber kaum jemand mehr kennt. Im „Museum des verschwundenen Geschmacks“ wird versucht, die alte Tradition zu beleben.
Das kleine hellblaue Eckhaus, in dem seit kurzem das Pastila-Museum untergebracht ist, steht in einer bunten Reihe mit anderen, in unterschiedlichsten Farben gestrichenen Häusern im Possad, diesem zum Kreml am nächsten gelegenen und ältesten Stadtteil von Kolomna.

Ein geschnitztes Holztor, ein Hofgarten mit handgemachten Bänken aus Heu. Eine schattige Diele führt ins Innere des Museums – einem Kaufladen aus der Zeit, als die Revolution noch lange nicht ausgebrochen war und die provinzielle Kaufmannschaft ihre Blütezeit erlebte.

Kolomna, Possadskaja uliza 13a
Telefon: 8 (985) 727-52-92

Fahrt:
Vom Kasaner Bahnhof mit einem Vorortszug bis Kolomna oder Golutwin.

Öffnungszeiten: 10:00 bis 19:00, nach telefonischer Voranmeldung
Verschiedenfarbige Pastila

Auf dem hölzernen Ladentisch, neben alten Waagen und in eichenen Jugendstilschränken reihen sich Glasschüsseln mit duftenden Pastila-Stangen aneinander, verschiedenfarbig wie auch die Häuser hier im Possad: hellgelb aus Äpfeln mit Vanille, orange aus Apfelsinen in Schokopulver, dunkelrot aus Pflaumen, bräunlich aus Mohn, Honig und Zedernüssen.

Viel gibt es in dem kleinen Museum nicht anzuschauen – als Ausstellungsgegenstände dienen hier vor allem Geschmack und Aroma der pastellfarbenen Süßigkeit, deren alte Rezepte das Museum sammelt und den Besuchern zum Kosten anbietet. Geschmackliche Erlebnisse werden mit einem historischen Exkurs begleitet.

Rezept: Nicht Lust, sondern Notwendigkeit


Pastila, heute eine der beliebtesten Süßigkeiten in Russland, soll aus Kolomna stammen. Hier gab es seit den 1730er Jahren eine erste Fabrik, aber auch davor, im 15. Jahrhundert, wurde Pastila in vielen einheimischen Haushalten selbstständig zubereitet – nicht aus Lust auf Süßspeisen, sondern aus Notwendigkeit, die in dieser Region üppigen Obstgartenernten haltbar zu machen.

Ursprünglich diente nur Apfelpüree mit Zugabe von Honig, Beeren und Nüssen als Zutaten für die Süßigkeit. Allmählich wurden aber auch Pastila-Stangen aus Pflaumen, Kirschen und anderen Beeren von den Anwohnern Kolomnas zubereitet.

Als bekannte Liebhaber der Pastila galten Zarin Katharina und Zar Nikolaus II.: Die für sie in Seide eingewickelten Kisten mit der Delikatesse wurden von hier aus direkt nach St. Petersburg geliefert, erzählen die Museumsmitarbeiter.

Die einst bekannten privaten Pastila-Fabriken von Kolomna wurden mit Beginn der Sowjetzeit aber verstaatlicht und die Produktion bald eingestellt. Die zahlreichen Rezepte wurden auf eine geringe Reihe reduziert und stark vereinfacht.

Von sieben auf 70 Sorten kommen


Wie die Museumsmitarbeiterin Natalia Nikitina weiß, ähnelt die heute industriell gemachte Pastila nicht einmal entfernt der ursprünglichen. „Die heutigen Produzenten sparen mit natürlichen Zutaten. Vor allem sind aber alte Rezepte seit Jahrzehnten in Vergessenheit geraten“, sagt sie.

Für die Idee, der Pastila ein Museum zu widmen und ihre historischen Sorten wiederherzustellen, erhielten die Museumsmitbegründer vor zwei Jahren einen Zuschuss im Wettbewerb „Wandelnde Museen in einer sich wandelnden Welt“ der Potanin-Kulturstiftung.

Damals begannen sie mit nur sieben historischen Sorten, erinnert sich Natalia Nikitina. „Seltene Rezepte waren hier bei einigen älteren Einwohnern erhalten geblieben, die meisten konnten unsere Mitarbeiter aber nur in der Lenin-Bibliothek in Moskau auffinden“, sagt sie.

Heute sind im Museum 26 Sorten, die im vorvorigen Jahrhundert in Russland verbreitet waren, wieder zum Probieren da. Darunter beispielsweise die rote Lieblings-Pastila des Schriftstellers Fjodor Dostojewski.

Das sei nicht wenig, meint Nikitina, früher hätten die Bewohner von Kolomna aber mehr als 70 Sorten gekannt. Ihr Museum strebe diese Vielfalt auch an: „Ein Besucher kommt bei uns nur dann nochmals vorbei, wenn er hier etwas Neues probieren kann“, meint sie.

Ab kommenden August wird in der Nähe des Museums außerdem seine eigene Kleinfabrik eröffnet, erzählt Natalia. Dann können die Besucher nicht nur die Pastila im Museum kosten und kaufen, sondern auch deren Herstellungsprozess in der Fabrik sehen.