Dienstag, 01.06.2010

Die Toten vom Moskauer Nowodewitschi-Friedhof

Skurrile Geschichten und skurrile Grabsteine erwarten den Besucher auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau. (Foto: Schultz/.rufo)
Moskau. Wer in einer Großstadt Ruhe sucht, wird meist nur auf dem Friedhof fündig. Doch der Moskauer Nowodewitschi-Friedhof ist nicht nur ein Ort der Abgeschiedenheit, sondern auch Schauplatz skurriler Geschichten.
So wie dieser hier: Nikolai Gogol war Zeit seines Lebens von der Angst besessen, lebendig begraben zu werden. Als man Jahre nach seinem Tod seine Grabstätte öffnete, lag sein Skelett völlig verdreht im Sarg, und auf der Innenseite des Grabdeckels fanden sich Kratzspuren. Ob der Schriftsteller tatsächlich lebendig begraben wurde, ist bis heute ein Rätsel.

Sicher, es gäbe Gewichtigeres als diese Schauergeschichte, die einem beim Anblick von Gogols Grabstätte in den Sinn kommen könnte. Doch erhabene Gedanken scheinen an diesem Ort, an dem sich Touristengruppen mit ihren Fotoapparaten um die Grabstätten scharen, deplatziert.

Eine andere Welt


Ein sonniger Frühlingstag lädt die Schaulustigen zu einem Gang über den sieben Hektar großen, an der südlichen Mauer des Neujungfrauen-Klosters gelegenen Prominenten-Friedhofs ein.

Wer den Friedhof betritt, lässt den Lärm der Großstadt hinter sich und betritt eine ganz andere Welt. (Foto: Schultz/.rufo)
Wenn man durch das große Eisentor des Nowodewitschi-Friedhofs tritt, streift man den Lärm und die Hektik der Großstadt wie eine Hülle ab. Umgeben von einer hohen Mauer, beschleicht einen das Gefühl, in eine andere Welt geraten zu sein.

Hier herrscht Stille. Spärliches Licht fällt durch das Blätterdach. Links und rechts der Hauptallee ist die verstorbene russische Elite in Bronze gegossen oder zu Stein erstarrt: Schriftsteller und Künstler, Präsidenten und Generäle, Wissenschaftler und Zirkusartisten.

Das Geschäft mit den Toten


12.000 Urnen und 20.000 Gräber fasst der Nowodewitschi-Friedhof. Josefina Dmitrijewna führt jeden, den es interessiert, durch den Wirrwarr an Grabstätten. Das Wandeln unter den Verstorbenen ist ihr Geschäft.

Seit Jahren lotst sie Touristen durch die Reihen der Toten, ein Streifzug durch ein Jahrhundert sowjetischer und russischer Kulturgeschichte. Jede Ecke bringt neue Namen, neue Anekdoten.

Das ZK der KPdSU bestimmte, wer würdig war, hier seine letzte Ruhe zu finden. (Foto: Schultz/.rufo)
Im neuen Teil des Friedhofs drängeln sich auf engem Raum die überdimensionierten Gedenksteine von Generälen, Parteifunktionären, Admirälen und Wissenschaftlern. Sie stehen so dicht beieinander, dass der Eindruck entsteht, sie würden noch immer um Macht und Einfluss rangeln.

Nur diejenigen, die das Zentralkomitee der KPdSU für würdig befand, fanden auf dem Nowodewitschi-Friedhof ihre letzte Ruhe. „Mafiosi und Banditen“, erklärt Josefina Dmitrijewna mit einem amüsierten Blick über den Rand ihrer Brille, „können sich hier nicht einkaufen, hier liegen nur Ehrenbürger.“

Hegen und Pflegen


Wer hier begraben ist, bleibt für immer liegen und wird entweder von Familienangehörigen gepflegt oder aber vom zuständigen Ministerium umsorgt. Gesetzliche Ruhezeiten, nach deren Ablauf das Grab aufgelöst und neu verkauft werden kann, gibt es nicht.

Kehrt man der versteinerten Machtparade den Rücken und wechselt in den alten Friedhofsteil, fallen die schiefen Kreuze und alten Grabplatten auf. In ihrer bescheidenen Einfachheit ziehen sie die Blicke der Besucher unverzüglich auf sich.

Doch auch sie sind eher Ausnahmen. Die künstlerische Gestaltung der meisten Gedenksteine ist monumental und kennt keine Spur der Zurückhaltung.

Glaswürfel über Marmorbüste - die Grabstätte von Stalins zweiter Frau. (Foto: Schultz/.rufo)

Geisterspuk


Auf verschlungenen Wegen erreicht man das Grab von Nadeschda Allilujewa. Eine japanische Touristengruppe scharrt sich um den hohen Glas-Würfel, in dem sich die marmorne Büste der zweiten Ehefrau Josef Stalins befindet.

Sie beging mit 31 Jahren Selbstmord. Glaubt man der Legende, kommt der Geist Stalins in der Nacht hierher und trauert um die Verstorbene.

Auch der Geist Sophias, der Halbschwester Petes des Großen, soll des Nachts an der Friedhofsmauer umher wandeln. Im benachbarten Neujungfrauen-Kloster hielt der Zar seine Halbschwester gefangen, um sie als Thronkonkurrentin auszuschalten.

„Aber das sind alles nur Legenden“, schließt Josefina Dmitrijewna. Und so ziehen die Schaulustigen mit ihren Fotoapparaten wieder ab, stülpen sich die Hülle aus Lärm und Hektik wieder über und treten hinaus in den Großstadt-Dschungel, wo das Leben unaufhörlich pulsiert.

Ein paar wertvolle Hinweise für Besucher


Der Nowodewitschi-Friedhof ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen werden in Deutsch, Englisch und Russisch angeboten. Eine vorherige Anmeldung unter +7(495)6071230 ist sinnvoll.

Führungen kosten zwischen 200 (Gruppe) und 600 (Einzelperson) Rubel. Zu den Prominenten, die hier begraben liegen, gehören u. a. Tschechow, Tolstoi, Jelzin und Tupolew. Eine Karte, auf denen die Gräber eingezeichnet sind, ist am Eingang erhältlich.