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Pappelpollen bilden einen weißen Teppich auf der Straße (Foto: Maximowa/.rufo)
Pappelpollen bilden einen weißen Teppich auf der Straße (Foto: Maximowa/.rufo)
Donnerstag, 23.06.2005

Alle Jahre wieder – Pappelflaum quält die Moskauer

Moskau. Jedes Jahr im Juni fallen dicke Flocken leise auf die Erde und hüllen ganz Moskau in einen weißen Teppich: Pappelflaum. Für die Moskauer ist dieser sommerliche Schnee eine wiederkehrende Plage

Abertausende Samen erheben sich flaumumwickelt in die Luft, fegen durch die Straßen, verfangen sich in Kleidung und Haar und bringen Kontaktlinsenträger an den Rand der Verzweiflung. Aus dem Pappelflaum bilden sich leichte Wolken, die sich ziemlich schnell verbreiten und für den ständigen Schmutz auf den Straßen sorgen. Überall, wo Pappeln wachsen, haben Anfang Juni weder Hausmeister noch Feuerwehrleute ihre Ruhe. Die Pollen sind aufgund ihrer leichten Entflammbarkeit bei den Feuerwehrleuten gefürchtet.

Nach den Angaben der Zeitung „Petrovka, 38“ verursachen die Pollen wöchentlich zehn bis 30 Autobrände in Moskau. Der Flaum häuft sich in allen Spalten an und entzündet genau so schnell wie Schießpulver allein durch einen Zigarettenfunken. Nicht ganz unschuldig an der traurigen Statistik sind Schulkinder, die während der Ferien nichts besseres zu tun haben, als den Flaum zu verbrennen.

Woher kommt aber dieser Pappelflaum?

Experten haben schon längst festgestellt, dass nur die weiblichen Pappel-Setzlinge die dicken Wattewolken ausstoßen. Sie bilden nämlich den Pollen, der mit dem Flaum weiter getragen wird. Aber der Flaum ruft nicht, wie oft angenommen, allergische Reaktionen hervor. Er überträgt nur den Blütenstaub von Gräsern, die genau zu diesem Zeitpunkt auf den städtischen Grünanlagen gedeihen. Für viele Moskauer heißt die Erscheinung dennoch „Pappelpollenallergie“.

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„Die Reaktion auf den Pollen kann unterschiedlich sein“, kommentiert eine Fachärztin der Poliklinik Nr.27 im Süden Moskaus. „Der Mensch hustet, niest, hat Schnupfen, fühlt sich nicht wohl. Gegen Allergien helfen viele Arzneimittel, die in jeder Apotheke zu haben sind. Es ist immer empfehlenswert, ein Hilfsmittel parat zu haben. Bevor Sie aber irgendeine Medizin schlucken, konsultieren Sie bitte Ihren Facharzt.“

Aber nicht nur der Flaum ist gefährlich. Die Liste ist lang: Pappeln haben ein weiches Holz und altern schnell, sind also recht sturmanfällig und daher durchaus gefährlich. So wurden während des Sturms 2001 in Moskau über 14.000 Bäume beschädigt und der größte Teil davon waren Pappeln. Bekannt sind sie zudem für ihre Eigenschaft, bei schneller eigener Verbreitung andere Pflanzenarten zu verdrängen.

Stalin oder Chrustschow?

Angesichts der vielen Probleme stellen sich die nach Alexander Herzen und Nikolai Tschernyschewski traditionell russischen Fragen: „Wer ist schuld“ und „Was tun“? Am meisten verbreitet ist die Version, wonach Stalin (ausnahmsweise einmal nicht Tschubais) die Schuld trägt. In den dreißiger Jahren soll er groß angelegte Baumpflanzungen verfügt haben, um der Hauptstadt einen grünen Anstrich zu verleihen.

Tatsächlich aber wurden die meisten Bäume in den sechziger Jahren gepflanzt, als Nikita Chruschtschow am Stadtrand Plattenbausiedlungen errichten ließ. Verständlicherweise pflanzten die Menschen dort sogleich Bäume, wobei die Pappeln als schnellwachsende und bis in die oberen Stockwerke schattenspendende Gewächse besonders beliebt waren.

Zu Sowjetzeiten gelang es der Stadtverwaltung durch rechtzeitige Beschneidung der Bäume noch recht gut, die Flaumplage unter Kontrolle zu halten. Heute allerdings kann sich Moskau solche Vorkehrungen kaum noch leisten, da es zu teuer ist. Zwar wäre es möglich, die Bäume ganz abzusägen, aber andererseits wäre es dann doch zu schade um die Pappeln, denn es sei zu ihrer Verteidigung angemerkt: Sie ist ein hervorragender Schadstofffilter, absorbiert ein Mehrfaches an Kohlendioxid und produziert wesentlich mehr Sauerstoff als andere Stadtbäume. Zudem ist die Pappel billig anzupflanzen, schnellwüchsig, wenig krankheitsanfällig und durchaus dekorativ.

(kam/.rufo)


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