Freitag, 26.08.2011

Deponien überfüllt: Moskau droht der Müllkollaps

Wilde Müllkippen von Datscha-Siedlern sind unschön, aber vergleichsweise harmlos - wenn es andernorts illegale gewerbliche Mülldeponien gibt (Foto: ld/.rufo)
Moskau. Die russische Hauptstadt droht im eigenen Unrat zu ersticken. Täglich produziert Moskau tonnenweise Müll. Die Deponien in und vor der Stadt sind seit langem überfüllt. So wird der Abfall illegal entsorgt.

Moskauer Hauseingänge haben einen eigenen Geruch; ein wenig miefig und verdorben riecht es fast in jedem Mietshaus. Das hat seinen Grund: Praktisch alle Hochhäuser sind mit einem Müllschacht ausgestattet.

Aus dem Fenster, aus dem Sinn


Dorthin wandert alles, was im Haushalt nicht mehr gebraucht wird, was verdorben oder kaputt gegangen ist: Essensreste, Verpackungsmüll, Flaschen, Batterien u.ä. Mülltrennung gibt es nicht. Es gibt sogar einige, denen der Gang zum Müllschlucker auf den Hausflur zu weit ist. Die entsorgen ihre Abfälle aus dem Fenster.

Wer in der Stadt unterwegs ist, hat es schon schwerer, seinen Müll zu entsorgen, denn Mülleimer sind selten. So landen Zigarettenkippen, Bierbüchsen und entwertete Fahrscheine oft auf der Straße. Die Stadtreinigung darf sie dann wegräumen.

Mülldeponien sind überfordert


Selbst wenn alles bei der Müllabfuhr landet, ist das Problem nicht aus der Welt. Denn die offiziellen Mülldeponien bei Moskau, in Chimki und den Kreisen Domodedowo, Orechowo-Sujewo und Leninski, sind überfüllt. Laut einem Gerichtsbeschluss müssten sie längst geschlossen sein, doch mangels Alternativen sind sie immer noch in Betrieb.

Da ihre Kapazität nicht ausreicht, entstehen zudem zahlreiche illegale Müllhalden. Laut der technischen Aufsichtsbehörde gibt es mindestens 50 weitere größere Deponien, die von findigen Unternehmern ohne rechtliche Grundlage und vor allem ohne ein Konzept für die Müllverwertung betrieben werden.

Sparen auf Kosten der Umwelt


Eine moderne Müllentsorgungsanlage mit einem Filtersystem kostet laut russischen Medienberichten rund 50 Mio. Euro. Doch das Geld sparen die Unternehmer – auf Kosten der Umwelt. Während die Klagen der Behörden laufen, verdienen die Betreiber 200 bis 300 Mio. Rubel (5 – 7,5 Mio. Euro) pro Jahr mit der Annahme des Mülls. Die Müllberge wachsen und vergiften Boden und Grundwasser.

Während des Sommers wächst zudem die Anzahl der wilden Mülldeponien dramatisch. Häufig entsorgen die Datschenbewohner ihre Abfälle einfach am Wegesrand oder im Wald. Das schlechte Beispiel steckt an. Wo einmal ein Müllsack liegt, kommt stets etwas hinzu.

2015 droht der Kollaps


Bis 2013 werden wohl ein Drittel aller offiziellen Mülldeponien im gesamten Moskauer Umland ihr Limit erreicht haben. 2015 sind dann auch die zwei in Moskau existierenden Großdeponien dicht. Spätestens dann droht Moskau der Müllkollaps, warnen Experten.

Umdenken bei Müllpolitik erforderlich


Ökologen fordern daher ein drastisches Umdenken bei der Müllentsorgung. Sie raten dazu, das in Europa funktionierende System der Mülltrennung einzuführen. Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um den Fokus bei neuen Deponien künftig nicht mehr auf die Lagerung, sondern auf die Verarbeitung zu setzen.

Einzelne Ansätze gibt es bereits. So sollen in Moskau Annahmepunkte für Batterien geschaffen werden, deren Quecksilbergehalt bei einer Halden-Lagerung besonders umweltschädigend ist.

Zudem betreibt der österreichische Energieversorger EVN seit 2007 eine Müllverbrennungsanlage, die 360.000 Tonnen Müll pro Jahr verarbeiten kann.

Ausreichend ist das noch nicht. Ein deutlicher Ausbau umweltfreundlicher Müllentsorgungs-technologien bleibt daher eine vordringliche Aufgabe der Moskauer Stadtregierung.