Moskau. Was fasziniert einen Russen an Deutschland? Die Deutschen hatten in dem nun schon fast vergangenen Kulturjahr genügend Gelegenheiten, sich ein Bild vom Wilden Osten zu machen. Zu sehen gab es reichlich: Russisches Ballett, russisches Theater, russisches Kino, russische Kunst- und Fotoausstellungen, die zeigen, wie das Land tatsächlich war und ist – in den Augen einheimischer Künstler. Aber welche Motive würde ein russischer Fotograf in Deutschland vor seine Kamera holen?
Wladimir Wodowosow, der 1994 einige Monate in Koblenz lebte, präsentiert seit vergangener Woche in Moskau seinen Blick auf die Stadt am Rhein. Das Plakat, das für die Ausstellung im Medienzentrum der wichtigsten russischen Tageszeitung „Istwestija“ wirbt, vermittelt einen altertümlichen Eindruck und zeigt doch eine moderne Metropole: Die schwarz-weiß Aufnahme ist leicht angegilbt und verschwimmt an den Rändern. Schiffe durchfurchen die Mosel am deutschen Eck. Vorne an prominenter Stelle posiert der steinerne Kaiser Wilhelms I. hoch zu Ross.
„Fotografien aus Koblenz – gewidmet dem Leben einer der schönsten Städte Deutschlands“ verspricht der ebenfalls leicht angestaubte Titel. Gleich mit dem ersten Foto der Ausstellung zoomt Wodowosow nah an die imperiale Erinnerungsstätte. Vom Sockel des Monuments springt dem Betrachter eine Fratze in Großaufnahme entgegen. Es scheint, als kreische die Vergangenheit aus dem Bild.
Geschichte und Gegenwart, Altstadt und Neubauten, Kriegsverwüstung und Aufgeräumtheit der Jetztzeit – um diese Antipoden drehen sich die Inhalte der Aufnahmen. Menschen sind aus den schwarz-weißen Bildern verbannt. Eine zeitlose Leere begegnet dem Betrachter. Nur die Autos, die immer wieder den Blick in die Tiefe der Bilder hineinziehen, verdeutlichen in welcher Epoche wir uns befinden. Wodowosow erspürt die aufgeräumte Schönheit der Stadt, hält ihren Rhythmus, ihre Linien fest.
Ausstellungsplakat
Zum Beispiel die Schlossstraße am Sonntag: Parkende Wagen flankieren die leergefegte Fahrbahn. Die Fahrzeuge vermitteln den Eindruck, als stünden sie Spalier. Als warteten sie auf eine Parade – angeführt von Kaiser Wilhelm. „Die alten Straßenzüge fand ich am faszinierendsten“, sagt Wodowosow. „Und die Kirchen – sie sind so ganz anders als in Russland“.
Wladimir Wodowosow absolvierte das Moskauer Bau-Institut und arbeitete zehn Jahre als Ingenieur. Er fotografierte schon lange, bevor diese Liebhaberei zu seinem Beruf wurde. Heute ist er Mitglied der russischen Künstlervereinigung und arbeitet als freier Fotograf. Seine Bilder finden sich unter anderem in den Zeitungen „Literaturnaja Gaseta“, „Iswestija“, „Komsomolskaja Prawda“ und in dem Journal „Sowjetskoje Foto“.
„Mein Spezialgebiet ist die schwarz-weiß Fotografie“, erklärt Wodowosow. Doch nur rund ein Drittel der rund 50 gezeigten Fotos sind schwarz-weiß. Und es sind gerade die – gestalterisch allerdings häufig schwächeren – Farbbilder, die wie vom Titel versprochen dem „Leben“ in der Stadt gewidmet sind.
Hier zeigt sich der Autor entzückt von der Energie des Touristenzentrums, das seine dörflichen Ecken bewahrt hat. „Koblenz ist ganz anders als die alten Städte, die wir in Russland kennen – nicht so museumsartig“, schwärmt Wodowosow. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt begeisterte er sich für Fußgängerzonen mit Fahrradständern, Straßencafés und bunten Motorrädern. Ganz besonders gefiel ihm das Koblenzer Altstadtfest. Auf seinen Fotos hat er Teilnehmer in historischen Kostümen, Clowns und Zuschauer festgehalten. Sein Fazit: „Ein schönes Sujet fotografiert sich leicht.“
Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. November.
(sp/.rufo)
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... und in der Ferne glänzen die goldenen Kreml-Kuppeln vor dem Winterpanorama der Stadt Moskau. Das historische Moskau, das "Goldköpfige" genannt, hatte 40x40 goldene Kirchenkuppeln. ( Topfoto: mig/.rufo)