Montag, 14.10.2013

Fremdenfeindliche Massen-Krawalle nach Tod eines Russen

Massiver Polizeieinsatz gegen rechte Randalierer und Pogromstifter: Sonntägliche Szene im moskuer Stadtteil Birjuljowo (Foto: youtube)
Moskau. Eine tödliche Messerattacke hat am Sonntag im Moskauer Stadtteil Birjuljowo stundenlange Straßenschlachten und Pogrome provoziert: Hunderte junge Nationalisten verwüsteten ein Einkaufszentrum und einen Großmarkt.
Wieder einmal ist es in Russland zu einem explosiven Ausbruch von rassistischer Gewalt gekommen: Auslöser war – wie in so vielen ähnlichen Fällen der letzten Jahre von Kondopoga über den Moskauer Manege-Platz bis hin zu Pugatschjow im Sommer 2013 – der gewaltsame Tod eines russischen Einheimischen durch die Hand eines nicht-slawischen Zuwanderers.

Nachdem die Polizei am Sonntag der Pogromstimmung in Birjuljewo zunächst eher gelassen begegnet war, wurde gegen Abend eine Generalmobilmachung der Ordnungshüter verfügt: Der Einsatzplan „Vulkan-5“ wurde zuletzt vor drei Jahren nach Terroranschlägen in der Moskauer Metro aktiviert. 380 Beteiligte der Krawalle wurden festgenommen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten einige hundert Gewalttäter bereits ein Einkaufszentrum und einen Gemüsegroßmarkt in Birjulewo verwüstet. Am Bahnhof des Wohnviertels warfen Rowdys Autos um. Während OMON-Einheiten der Polizei am Abend in Birjuljewo die Randalierer zu Dutzenden festsetzten, sperrten Polizeikräfte den zentralen Manegeplatz und den Roten Platz am Kreml ab, um ein Übergreifen der Krawalle auf das Stadtzentrum zu verhindern.

Viel Blut und Prügel- aber keine Toten


Bei den Ausschreitungen wurden mindestens acht Polizisten verletzt, fünf von ihnen kamen ins Krankenhaus. Auch wird von 23 verletzten Zivilpersonen berichtet, wobei deren Blessuren sowohl eine Folge des Polizeieinsatzes wie die von Prügelattacken des Mobs auf fremdländisch aussehende Personen sein können. Vertreter von Migrantenorganisationen hatten am Wochenende Ausländer in Moskau dazu aufgerufen, besser zu Hause zu bleiben.

Angesichts der herrschenden Aggressivität grenzt es fast an ein Wunder, dass es keine weiteren Toten gab.
Bis auf zwei waren am Montag morgen aber alle Festgenommenen wieder auf freiem Fuß. Gegen 70 Personen wurden Ermittlungsverfahren wegen Rowdytums oder Widerstand gegen die Polizei eingeleitet.

Erstochen vor den Augen der Freundin


In der Nacht auf Donnerstag war im Stadtteil Sapadnoje Birjuljewo am Südrand Moskaus ein 25 Jahre alter Mann Opfer eines aggressiven Messerstechers geworden. Jegor Schtscherbakow begleitete seine Freundin nach Hause, als das Pärchen von einem Mann belästigt wurde.

Angeblich soll der Unbekannte die Frau beleidigt haben. In einem sich entwickelnden Streit zog der Mann ein Klappmesser und versetzte Schtscherbakow einen tödlichen Stich ins Herz.

Der Täter konnte fliehen. Nach Aussage der Zeugin und aufgrund von Aufnahmen einer Überwachungskamera kann davon ausgegangen werden, dass es sich um eine Person „kaukasischen Aussehens“ handelte.

Weitere Spuren hinterließ der Täter nicht. Die Fahndung brachte in den ersten drei Tagen keinen Erfolg. Migranten aus dem Süden Russlands und anderen GUS-Staaten bilden in dem depressiven, von Bahnlinien und Lagerhausarealen umgebenen Stadtteil nach Aussagen Einheimischer inzwischen die Mehrheit, gewaltsame Auseinandersetzungen auf offener Straße seien häufig.

Rechtsradikale organisierten Mob


Am Samstagabend hatten in Birjuljewo bereits mehrere Dutzend Anwohner am Tatort und vor dem Polizeirevier friedlich gegen die von Migranten ausgehende Gewalt protestiert und strikte Maßnahmen gefordert. Auch am Sonntagnachmittag gab es eine solche „Volksversammlung“, bei der der Bezirksbürgermeister die Schaffung einer „Jugend-Volks-Drushina“ ankündigte, die in Zukunft der Polizei beim Patrouillieren des Stadtteils helfen soll.

Doch dies interessierte einen großen Teil der Versammelten wenig: Zu dem Treffen war stadtweit im Internet in Nationalistenkreisen aufgerufen worden, weshalb neben den Einwohnern auch viele junge Männer aus anderen Stadtteilen zugegen waren. Sie warteten offenbar nur auf ein Signal, gegen irgendetwas oder irgendwen loszuschlagen.


Sturm auf ein Einkaufszentrum - voller Kunden


Als Ort einer angeblich besonders intensiven Präsenz von Zugereisten wurde in der Menge das nahe bescheidene Einkaufszentrum „Birjusa“ genannt – worauf einige Dutzend Rowdys versuchten, das zu diesem Zeitpunkt gut besuchte Gebäude zu stürmen.

Wie der „Kommersant“ berichtete, sahen etwa 40 OMON-Beamte dem Treiben erst etwa 20 Minuten lang tatenlos zu, bevor sie begannen, den Mob zurückzudrängen und einige Beteiligte festzunehmen. Doch ließ die Menschenmenge den Polizei-Lkw mit den Festgenommen nicht wegfahren – worauf die Arrestanten wieder freigelassen wurden.

Nach etwa einer Stunde setzte sich die Menge dann in Bewegung, um den als Epi-Zentrum der fremdländischen Präsenz in Birjuljewo definierten nahen Gemüsegroßmarkt zu stürmen. Zwar versuchten Polizeikräfte den Zug zu stoppen, doch umgingen die aktivsten Rowdies in kleinen Gruppen durch Höfe die Absperrungen und drangen auf das verwaiste riesige Marktareal vor. Dort wurden allerdings nur einige Getränkeautomaten und Imbissbuden ein Opfer der Randalestimmung.

Gegen Abend kam es dann erneut auf dem Platz am Einkaufszentrums sowie am Bahnhof Birjuljewo-Towarnaja zu Ausschreitungen und Zusammenstößen zwischen der Menge und der Polizei. Augenzeugen berichteten, dass viele Anwohner dem Treiben gelassen-interessiert zusahen: Sie folgten dem zum Teil heftig alkoholisierten Mob wie auf einem Sonntagsspaziergang mit Kindern und Hunden und fotografierten dabei interessiert die Zerstörungen.

Großfahndung nach Täter und illegalen Migranten


Am Tag danach wurden in Birjuljowo nach Angaben des Bezirksbürgermeisters bereits etwa 1.000 Migranten festgenommen. Vermutlich handelt es sich um eine kombinierte Polizeiaktion, bei der sowohl nach illegalen Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere wie auch nach dem mutmaßlichen Mörder gesucht werden soll. Die Polizei wie auch die Sanitätsaufsicht kündigten an, diesen wie auch andere Lebensmittelgroßmärkte in Moskau jetzt gründlich zu überprüfen.

Wie der “Kommersant“ berichtet, hat Innenminister Wladimir Kolokolzew der Moskauer Polizei faktisch ein Ultimatum gestellt. Wenn es nicht gelinge, in kurzer Zeit den Messerstecher und die Anstifter der Pogrome zu ermitteln und zu fassen, würden in der Führungsebene der Polizei alsbald „andere Leute“ das Kommando haben.