Fritz Pleitgen und Gerd Ruge bei der Pressekonferenz am Mittwoch
Mittwoch, 25.02.2004
Fünf Jahrzehnte ARD in Moskau
Moskau. Das ARD Hörfunkstudio in der russischen Hauptstadt feiert in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag. Anlässlich des Jubiläums diskutierten heute ehemalige und gegenwärtige Korrespondenten mit russischen Kollegen über die Pressefreiheit in Russland. Am Donnerstag werden die Feierlichkeiten mit dem Auftritt der WDR Big Band Köln fortgesetzt.
„Es war immer ein Privileg nach Moskau zu kommen“, sagte ARD-Intendant Fritz Pleitgen auf der heutigen Pressekonferenz. Pleitgen war selber in den 70er Jahren Fernseh-Korrespondent in der russischen Hauptstadt. Doch das war lange nach dem Antritt der ersten ARD-Journalisten.
Angefangen hatte alles in einem Hotelzimmer, in dem Gerd Ruge als Radio-Korrespondent lebte und arbeitete. 1955 hatte Ruge Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dessen berühmt gewordener Moskau Reise begleitet, auf der über die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen verhandelt wurde. Ein Jahr später kehrte Ruge als russischer Hauptstadtkorrespondent zurück und erlebte die Zeit der Entstalinisierung und den Aufstieg Nikita Chruschtschows.
Erst Ulrich Schiller, der seit 1966 im Moskauer ARD-Studio arbeitete, erhielt 1968 ein kleines Büro von der sowjetischen Ausländerbehörde zugewiesen. Hier am Kutusowskij Prospekt befindet sich das Hörfundstudio noch heute. Allerdings nimmt es mittlerweile eine ganze Etage in Anspruch.
„Die Themen damals waren ungeheuer aufregend“, erinnert sich Schiller. Er war Zeuge der Dissidenten-Prozesse und des Konfliktes mit China: „Damals kam die Frage auf: Dürfen kommunistische Länder untereinander Krieg führen?“ In die Rüstungsfrage hätten er und andere ausländische Korrespondenten aber natürlich keinen Einblick erhalten.
Heute arbeiten vier Radio- und drei Fernseh-Korrespondenten der ARD in Moskau. Der Leiter des Hörfunkstudios, Hermann Krause, hat die Perestroika hautnah miterlebt: „Das war wohl die spannendste Zeit, die für uns Korrespondenten begann. Es war eine Zeit, die ungemein überraschte“, sagte Krause. Die Journalisten hatten plötzlich ungeahnte Freiheiten. Sie durften reisen. Selbst frühere Sperrgebiete waren für sie oft nicht mehr tabu.
Mittlerweile hätten sich die Arbeitsbedingungen hingegen wieder verschlechtert. Städte und ganze Regionen seien für Reporter zuweilen versperrt, da dort Grenztruppen das sagen hätten. Eine Dreherlaubnis für ein Kamerateam zu erhalten sei eine langwierige Sache – wenn überhaupt eine Antwort käme.
Die Freiheit der Presse war auch Thema auf der nachmittäglichen Podiumsdiskussion in der Journalistenfakultät der Lomonossow-Universität. Die Gerd Ruge, Ulrich Schiller und Hermann Krause erörterten hier mit der Historikerin Irina Scherbakowa, der Journalistik-Professorin Galina Woronenkowa und dem Journalisten Jewgeni Griegoriew die Zensur in der Sowjetunion und den heutigen Zustand der russischen Meinungs- und Pressefreiheit.
Themen waren unter anderem die Ausschaltung des kritischen Fernsehjournalismus. Warum beschnitt Putin die Medien in ihrer Meinungsfreiheit, während Jelzin dies bewusst vermieden hatte? Diskutiert wurde auch die Frage, inwiefern die russische Bevölkerung einen starken Präsidenten befürwortet, der die Medien lenkt. Aber auch die Journalisten mussten sich Rüffel erteilen lassen: Schließlich sei Selbstzensur keine seltene Erscheinung, merkte Galina Woronenkowa an.
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Die Arbeit der ARD-Journalisten würde jedoch in keiner Weise behindert, bemerkte Fritz Pleitgen auf der Pressekonferenz: „Eine Kritik an unserer Berichterstattung habe ich überall erfahren. Nicht nur im Osten. Wir nehmen die Situation ernst und beobachten die Entwicklung. Noch können wir hier frei berichten, wie es sich für ein demokratisches Land gehört“. Und Hermann Krause sagte: „Wir hoffen, dass sich die Lage der Pressefreiheit in Putins zweiter Amtszeit verbessern wird“.
Doch das Fazit aller ARD-Korrespondenten lautete: Insgesamt sei die Lage in Russland viel undurchsichtiger geworden. Es herrsche eine Situation voller Wiedersprüche. Und nicht nur die ARD-Korrespondenten fragen sich, wohin das Land politisch steuert.
(sp/.rufo)
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