Es gibt sie noch, die kleine Stände von Bastlern für Bastler (Foto: ldc/.rufo)
Montag, 10.03.2008
Lizenzen statt Raubkopien: Moskaus Elektro-Märkte
Moskau. Märkten wie der Gorbuschka verdankt Russland seinen Ruf als Eldorado der Produktpiraten, wo es Software und Filme zum Bruchteil des Originalpreises gibt. Was ist von der Anarchie der Gründerjahre noch übrig?
Verlässt man die Metrostation und nähert sich der Gorbuschka, kommt man an einem kleinen Markt mit Produkten für den Alltagsgebrauch vorbei. Es ist laut, dreckig, eng und in den kleinen Büdchen stapeln sich die Waren bis unter die Decke. Die Gorbuschka selbst hat damit aber schon lange nichts mehr gemein.
Auf der Gorbuschka kann man mittlerweile zivilisiert Technik einkaufen (Foto: ldc/.rufo)
Der Markt ist schon vor Jahren von der Straße in eine große Halle umgezogen. Heute geht es vor allem um Größe. Die Lautsprecherdurchsage wird nicht müde zu betonen, dass man hier in mehr als 3.000 Geschäften einkaufen könne. Es geht vorbei an Kühlschränken, Staubsaugern und Waschmaschinen, die bald von den glitzernden Geschäften der Giganten der Unterhaltungselektronik abgelöst werden. Für die Breite der Flachbildfernseher scheint es kein Limit zu geben. Gleiches gilt für die Preise.
Das Angebot ist so gewaltig wie die Größe der Verkaufshalle. Man verliert schnell den Überblick. Zum Glück gibt es mittlerweile einen Kundendienst, der auf Hochglanzpapier gedruckte Übersichtspläne verteilt. Auch sonst verläuft alles sehr geordnet und auf dem sauberen Fußboden ist jederzeit ablesbar, in welchem Sektor man sich gerade befindet. Wird man des Kaufens trotzdem überdrüssig, kann man sich nicht nur an einem klapprigen Wurststand, sondern auch gehoben in einem japanischen Restaurant verpflegen.
Der CD-Markt erlaubt einen Blick in die Vergangenheit
Befände sich nicht im Herzen der Gorbuschka die Abteilung für Musik, Filme und Software – sie wäre nicht von einem typischen westlichen Kauftempel zu unterscheiden. Hier beginnt das Kaufhaus plötzlich zu dröhnen. Die Geschäfte werden kleiner, die Händler sind nicht mehr alle wie Konfirmanden angezogen und der gerade im Kino angelaufene Hollywoodstreifen kostet umgerechnet knapp 3 Euro. Dies nennt sich dann lizenzierte Kopie.
Manche Markthändler verstehen sich auch noch aufs Reparieren, nicht nur aufs Verkaufen (Foto: ldc/.rufo)
Nikolaj war schon in den Anfängen mit seinem Stand auf der Gorbuschka. „Piraterie gibt es noch immer. Aber man muss heute etwas suchen.“ Und auf die Frage, was sich in den letzten Jahren für ihn verändert habe, antwortet er: „Für Musik kommen die Jungen nicht mehr unbedingt auf den Markt, sondern laden sie sich wie überall auf der Welt aus dem Internet.“
Etwas enttäuscht von der Gorbuschka, geht die Suche nach den Resten der einst wilden Moskauer Elektronikmärkten bei der Metrostation Sawjolowskaja weiter. Doch auch hier bewegt man sich zu seichter Musik in einem organisierten „Handelskomplex“. Das Angebot ist das Gleiche wie auf der Gorbuschka, das Interieur aber etwas weniger luxuriös. Dafür gibt es gleich anschließend noch eine Halle für Kleider und Schuhe.
Die Koordinaten
Gorbuschkin Dwor: Metro Bagrationowskaja Sawjolowski Torgovy Komplex: Metro Sawjolowskaja Radio-Rynok Mitinski: Metro Tuschinskaja und dann mit Marschrutka Nr. 2 oder 17 bis Radio-Rynok
Ein Stück Moskauer Marktgeschichte wird abgerissen
Ein letzter Versuch etwas weiter weg vom Zentrum auf dem Radio-Rynok - knapp außerhalb des Autobahnrings. Und tatsächlich ist noch ein kleiner Teil des vor 15 Jahren gegründeten Freiluftmarktes übrig geblieben. Kabel hängen unverpackt an den Ständen herunter, so dass der Verkäufer dahinter fast nicht zu sehen ist. Eine ältere Frau schiebt einen Wagen, aus dem sie heiße Getränke und Piroggen verkauft, vor sich her. Streunende Hunde, Marktschreier, Trödel. Doch auch hier ragt gleich dahinter eine Verkaufshalle in den Himmel.
„In ein paar Monaten ist Schluss. Dann ziehen auch wir in die Halle um.“ Sergej, der Telefone verkauft und repariert, erzählt, dass die Überreste des Freiluftmarktes bald einem Spielplatz für den Nachwuchs der Kundschaft des neu gebauten Elektroparadieses weichen sollen.
Erfreut schaut er dem Umzug allerdings nicht entgegen. „Wir bezahlen dort nur mehr Miete und verkaufen trotzdem nicht mehr.“
(ldc/.rufo/Moskau)
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