Montag, 22.11.2010

Mafia-Gipfel Petersburg: wer soll in Moskau regieren?

Japontschik-Iwankow hinterliess ein Vakkum. Nach dem Sturz Luschkows muss es gefüllt werden (Foto: TV/Archiv)
St.Petersburg. Nato-Gipfel, Tiger-Gipfel - und dann noch ein Mafia-Gipfel. Die Könige der russischen Unterwelt trafen sich am Wochenende bei Petersburg, um auszumachen, ob nun die Moskauer oder die Petersburger das Sagen in Moskau nach Luschkow haben.
Zumindest will die Boulevard-Zeitung "MK - Moskowski Komsomolez" erfahren haben, dass die Paten der russischen Mafia sich Ende vergangener Woche in einer Villa bei St.Petersburg zusammensetzen wollten, um einige Streitfragen zu regulieren.

Es ist wohl das erste Mal, dass es einen Vorabbericht vor einem Paten-Gipfel in Russland gab und das auch noch auf Seite Eins des auflagenstarken Boulevardblatts. Die Moskauer, so heisst es in dem Bericht, hätten eben auch den Nutzen der Öffentlichkeitsarbeit für sich entdeckt.

Auch die russische Mafia ist auf Innovations- und Modernisierungskurs


Überhaupt scheinen "die Moskauer" wesentlich innovativer zu sein, als die Petersburg, will man den Worten eines anonymen Mittelsmannes glauben. Zwei neue Technologien beherrschen die Moskauer demnach wesentlich besser als ihre Petersburger Kollegen.

So gehöre es mittlerweile zur Praxis, nicht nur in Moskau und den russischen Provinzen Schutzgelder zu erpressen, sondern auch im Ausland flüchtige Oligarchen, gefallene Bankiers und Unternehmer zur Kasse zu bitten.

Man denkt politisch und gibt sich patriotisch


Vor allem aber, so "MK", mache sich die Moskauer Mafia in grossem Massstab Beamte finanziell abhängig und untertan. Das bringt nicht nur Geld, sondern auch Macht und Einfluss - und entspricht auch dem neuen Trend in der Unterwelt, nämlich politisch zu denken und sich patriotisch zu geben (zumindest in der "slawischen" Mafia - im Unterschied zur "georgischen", "armenischen" oder "tschetschenischen" die allesamt in Deutschland als "Russen-Mafia" bezeichnet werden).

Die Petersburger hätten, so berichtet ein Mittelsmann, in letzter Zeit versucht, die Moskauer Positionen von der Provinz her zu untergraben, die traditionell am moskauer Gängelband hängt. So habe es eine Reihe von Schiessereien in Samara gegeben.

Der Luschkow-Sturz verändert die Kräfteverhältnisse


Anlass für den Mafia-Gipfel bei St.Petersburg war aber angeblich in erster Linie, dass nach dem Sturz des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow und der Amtsübernahme durch einen Nicht-Moskauer die Petersburger meinten, die Macht in Moskau übernehmen zu können.

Vakant ist nämlich vor allem der zentrale Job eines Schlichters für Streitfragen zwischen den Clans sowie zwischen Unterwelt und Beamten.

Eine Zeitlang soll der Petersburg Wachunternehmer Roman Zepow (Tsepow) Ambitionen auf den Vermittler- und Schlichterjob gehabt haben. Zepow hatte mit seinem Wachunternehmen "Baltika-Eskort" sowohl Leibwachen für das Petersburger Stadtoberhaupt Anatoli Sobtschak und seine Umgebung, als auch für Unterweltgrössen organisiert, darunter auch für den Tambower Clan des Barsukow-Kumarin.

Edelsteine für die Politik


Zepow hatte so gute Beziehungen zu beiden Seiten, schreibt "MK", dass er einmal der "Ehefrau eines heute führenden russischen Spitzenpolitikers" einen Edelstein schenkte, den er zuvor beim Kartenspiel einem Mafia-Boss abgenommen hatte.

Anwärter Roman Zepow fiel aber aus, weil er sich an radioaktivem Schmuggelmaterial tödlich vergiftete.

Schon früher ausgeschieden war der Anführer des Petersburger "Tambower" Clans Barsukow-Kumarin, der zwar eine Zeitlang nach seinen eigenen Worten angeblich sogar im Kreml ein und ausgegangen war, aber trotz aller Macht und Herrlichkeit dann vor drei Jahren reif fürs Gefängnis war.

Verwaist ist auch der Thron des Grossen Paten


Ein Vakkuum hinterliess auch der moskauer Unterwelt-Pate "Japontschik"/Iwankow, aber vor einem Jahr mit einem Scharfschützenschuss in den Unterleib hingerichtet wurde.

Ausgefallen ist auch sein Nachfolger, Djed Hassan (Armenier von Nationalität), weil er nach einem Attentat mit Bauchschuss im Krankenhaus liegt und von den Geheimdiensten kontrolliert wird.

Neu verteilt werden müssen die Karten jedenfalls auch aus vielen anderen Gründen. Grosse Teile des Tambower Clans sind durch gemeinsame Aktionen der russischen und spanischen Polizei zerschlagen. In Moskau fielen auch noch andere Vertreter der halbseidenen Prominenz Attentätern zum Opfer.
Die Schliessung des Tscherkisowo-Marktes in Moskau und die teilweise Verdrängung der Kasinos und des Glücksspiels in den Untergrund verlagerten die Geldströme. Und der hochgeachtete russische Frank Sinatra, der Sänger Jossif Kobson, befreundet mit Luschkow und Japontschik, ist seit Monaten sterbenskrank.

Wer wen?


Aber die russische Mafia lebt und entwickelt sich - und den Filz. Wobei schwer zu beurteilen ist, wer da eigentlich wen kontrolliert.

Sollte jedenfalls eine der Abteilungen für Öffentlichkeits-arbeit irgendwo Mitteilung über die Ergebnisse des Mafia-Treffens machen, werden wir natürlich auch darüber informieren, handelt es sich doch um einen wesentlichen Bestandteil des aktuellen Russlands.