Moskau. Ein Blick in die Moskauer Bevölkerungsstatistik offenbart: Der Anteil von Rentnern und Chinesen wächst. Jetzt geht die Angst um, dass das Herz Russlands bald nicht mehr russisch sein könnte.
Ca. 10,3 Millionen Menschen leben heute in der Metropole, Tendenz steigend. So weit so gut. Doch ein genauer Blick auf die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung ruft Besorgnis hervor.
Weniger Kinder, immer mehr Rentner
Bereits heute liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 16%. Hingegen wird der Anteil der Rentner in wenigen Jahren die Ein-Drittel-Marke erreicht haben. Der Zahl der Gesorbenen von über 131.300 Menschen steht eine Geburtenzahl von nur 92.400 im Jahr 2004 gegenüber.
Das Bevölkerungswachstum der Stadt stützt sich, ebenso wie die ungebrochene Wirtschaftskraft, auf Zuzug. Dieser verschleiert zwar das Problem für Moskau vorerst, doch bei einer um 0,6% jährlich schrumpfenden russischen Gesamtbevölkerung betrifft das Problem früher oder später auch Moskau.
Die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung verändert sich
Aufgrund des starken Zuzugs ändert sich auch die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung. Von 1989 bis 2002 wuchs die Zahl der Moskauer von rund 8,8 Millionen auf ca. 10,1. In der gleichen Zeit sank der Anteil der Russen an der Bevölkerung aber von 89,7 auf 84,8 Prozent.
Alterspyramide 2002
Durch weiteren Zuzug und hohe Geburtenraten erhöhte sich hingegen im gleichen Zeitraum der Anteil an Kaukasiern, Chinesen und Vietnamesen deutlich. So leben z.B. heute 35 mal mehr Chinesen und 14 mal mehr Vietnamesen in Moskau als noch wenige Jahre vorher.
Ursachen – Moskau nur zum Geldverdienen?
Die Wirtschaftskraft Moskaus ist ungebrochen und heute so groß wie die der gesamten Ukraine. Wie ein Magnet zieht die Stadt Arbeitswillige an, die sich meist nicht für eine Familiengründung entscheiden.
Schwer wiegt auch das raue Umfeld in Moskau. Der hohe Stressfaktor der Stadt, die Umweltverschmutzung und das Missverhältnis zwischen Verdienst und Lebenshaltungskosten schaffen keine Atmosphäre, die zu Familiengründungen einlädt.
Niedrige Löhne und hohe Ausgaben
Arbeit gibt es viel, nur gut bezahlte wenig. Viele Menschen müssen sich mit 400 Dollar oder weniger im Monat begnügen. Davon sind aber nicht nur Busfahrer oder Verkäuferinnen betroffen, sondern auch Ärzte und Wissenschaftler.
Auch Zeit ist knapp. Der russische Arbeitstag hat in der Regel mehr als zehn Stunden. Die Fünf-Tage-Woche ist keine Selbstverständlichkeit. Dazu kommen oft noch 2 Stunden in der Metro. Bei diesen Strapazen fehlt vielen vermutlich einfach die Kraft für Nachwuchs.
Dem Alltagsstress folgt sozialer Stress
Bei Mieten ab 500 Dollar für 2 Zimmer leben Paare häufig in beengten Verhältnissen bei den Eltern. Mit steigenden Ansprüchen an die Lebensqualität passen Kinder nicht ins Bild. Das wäre zu unbequem. Außerdem ist das Geld am Monatsende oft alle, da nicht nur die Mieten teuer sind.
Dabei sind es nicht nur Vergnügungen, die etwas kosten. Wer dem schlechten öffentlichen Gesundheitssystem entgehen will, muss sich auf teure Privatkliniken einlassen. Denn die Rate an Fehldiagnosen von Moskauer Ärzten in den öffentlichen Kliniken ist allgemein 2,4 mal höher als im Rest des Landes. Wer ein Kind bekommen möchte, hofft also, dass alles gut geht. Oder er spart einfach ein paar Jahre.
Keine Lösung in Sicht
Auch die Stadtverwaltung macht sich Sorgen um die ungünstige Bevölkerungsentwicklung. Die Angst um die wirtschaftliche Zukunft geht um, zudem wird Gefahr für die russische Seele gewittert. „Von Moskau müssen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch demographische Impulse ausgehen“, ist deshalb der Slogan, den Sergej Smidowitsch von der Stadtregierung in Moskau ausgibt. Doch eine verbesserte Familienpolitik ist nicht in Sicht.
(khs/.rufo)
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