Wirklich Bedürftige werden an Orten wie der Moskauer Flaniermeile Uliza Twerskaja nicht lange geduldet (Foto: .rufo)
Mittwoch, 12.10.2005
Moskaus Bettler-Mafia: Geschäfte mit dem Mitleid
Karsten Packeiser, Moskau. Alle Moskauer kennen das Bild: Eine Frau mit schlafendem Kleinkind auf dem Arm kommt in den Waggon der Metro, schreit mit weinerlicher Stimme gegen das laute Rattern der Räder an.
“Liebe Leute, wir sind Flüchtlinge und übernachten auf dem Bahnhof. Bitte helfen Sie.” Alles Lüge, erklärt eine Bürgerinitiative, die der Moskauer Bettler-Mafia den Kampf angesagt hat.
Alle lukrativen Orte sind längst aufgeteilt
“Viele Leute geben in der U-Bahn aus christlichen Beweggründen Almosen”, sagt Tatjana Kusnezowa vom Verein “Land der Kindheit”. In Wahrheit sei “alles nur ein Geschäft”. Das Geld helfe den Kindern überhaupt nicht. Was viele Pendler nicht wissen oder nicht wahrhaben wollen: Kaum ein Mensch, der im Moskauer Untergrund um Almosen bittet, ist wirklich bedürftig.
Kinder sind für die Moskauer Bettler-Mafia nicht mehr als Requisiten (Foto: .rufo)
Das Geschäft mit dem Mitleid ist in der russischen Hauptstadt fest in der Hand straff organisierter Banden. Fremde werden an lukrativen Orten wie der Moskauer Metro, in den Vorortzügen oder rund um viel besuchte Sehenswürdigkeiten gar nicht erst geduldet. Die heimatlosen Flüchtlings-Mütter mit ihren Kindern, die einbeinigen Tschetschenien-Veteranen und Witwen, die für die Beerdigung des Mannes sammeln, verdienen innerhalb eines Tages oft so viel, wie die Fahrgäste, die ihnen einige Rubelmünzen zustecken, in einem ganzen Monat.
Und längst nicht alle Frauen tragen ihre eigenen Kinder mit sich herum. Kleinkinder alkoholabhängiger oder obdachloser Eltern werden in Russland oft wie eine Ware gehandelt. Mit Schlafmitteln vollgepumpt werden sie den ganzen Tag lang durch die U-Bahn geschleppt. “Sie sind lediglich Requisiten”, sagt die Aktivistin Kusnezowa. Sie selbst bot mehreren Bettlerinnen aus der Metro eine Arbeit als Verkäuferin im Laden ihres Mannes an. Auch mit einer Übergangsunterkunft könne sie helfen, erklärte sie. Doch keine der Frauen, denen sie ihre Telefonnummer gab, rief je zurück.
Die Polizei geht gegen die professionellen Bettler nur zögerlich vor, denn die rechtliche Grundlage fehlt. Wer in der U-Bahn um Geld bittet, begeht allenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Ein Straftatbestand ist lediglich gegeben, wenn Kinder zum Betteln genötigt werden. Doch auf schlafende Säuglinge trifft das nicht zu, die oftmals wohl auch geschmierten Polizisten können kaum etwas unternehmen.“
In den letzten Monaten haben wir diese Leute teilweise aus der Metro vertrieben”, sagt Sergej Kuguk, Minderjährigen-Beauftragter der Moskauer U-Bahn-Polizei. “Aber bald fängt der Winter an. Dann werden sie alle wieder zurück kommen.”
“Zivilcourage kann Leben retten”, ist Tatjana Kusnezowa, die selbst ein kleines Kind erzieht, überzeugt. Deswegen hat sie mit einer Gruppe Gleichgesinnter nicht nur eine Kampagne gegen die Bettler-Mafia in den Medien gestartet, sondern ruft auch jedes Mal, wenn sie bettelnde Erwachsene mit Kindern sieht, die Polizei.
Wenn die angeblichen Eltern keine Dokumente für die kleinen Jungen und Mädchen vorweisen können, werden diese erst einmal in ein Krankenhaus eingeliefert. Und danach, wenn niemand die Kleinen abholt, in ein Kinderheim.
Viele aufgegriffene Kinder brauchen sofortige ärztliche Hilfe. Zuweilen komme es sogar vor, dass Bettler mit toten Säuglingen weiter durch die Waggons ziehen, um nicht die Einnahmen eines ganzen Tages zu verlieren, hat Tatjana Kusnezowa erfahren müssen. Dass das Leben in russischen Kinderheimen ebenfalls alles andere als einfach ist, weiß auch die Kinder-Aktivistin. “Aber dort haben sie zumindest die reale Chance, adoptiert zu werden.”
(epd)
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