Von Alexej Knelz, Moskau. Ein Jahr nach dem 28 Menschen unter den Trümmern des Transvaal-Spaßbades den Tod fanden, ist jetzt der Schuldige gefunden – offiziell. „Konstruktionsfehler“ heißt es im Bericht des städtischen Untersuchungsauschusses. Ein Persilschein für Baufirma, Betreiber und Behörden. Der Chefkonstrukteur allerdings wehrt sich im Gespräch mit russland-aktuell.RU dagegen, zum Sündenbock gemacht zu werden. Er hält einen Terroranschlag für wahrscheinlich.
Am 28. März legte Staatsanwalt Anatolij Sujew das offizielle Untersuchungsergebnis des Ermittlungsausschusses im Fall „Transvaal-Park“ vorgelegt. Drei Expertenteams des Institutes für Stahlträgerkonstruktionen (ZNIISK), des Institutes für Stahlbetonbau (ZNIISCHB) sowie der Hochschule für Bauwesen (MGSU) kamen unabhängig voneinander zum selben Resultat: falsche Berechnungen in der Projektphase.
Die Projektplaner sollen die Belastungen der ungewöhnlichen Dachkonstruktion falsch berechnet haben. Andere Versionen des Einsturzes schließt die Ermittlung somit aus und gibt die Schuld einzig und allein Nodar Kantscheli, dem Chefkonstrukteur und Bauleiter des „Transvaal-Parks“.
Unmittelbar nach Einsturz des Spaßbades am 14. Februar 2004 gab es für die Ermittler mehrere Versionen: Konstruktionsfehler, Baufehler, fehlerhafter Betrieb und Materialermüdung oder ein Terroranschlag.
Die letzte Variante schloss der russische Geheimdienst FSB sehr schnell aus. Es seien keinerlei Sprengstoffreste oder sonstige Sabotagehinweise gefunden worden.
Die Version der Betriebsfehler schied ebenfalls bald aus. Unfangs hatten Moskauer Zeitungen Jelena Baturina, Gemahlin des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow verdächtigt, Miteignerin des Wasserparks und damit Mitverantwortliche für die Katastrophe zu sein. Baturina weiß die Verdächtigungen jedoch weit von sich und verklagte die Zeitung „Kommersant“ wegen Verleumdung.
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Der Bauleiter als Sündenbock?
Damit richtete der Verdacht sich vor allem gegen den Chefkonstrukteur, Dr. Nodar Wachtangowitsch Kantscheli. Der studierte Bauingeneur, Mathematiker, und Mitglied der Akademie der Wissenschaften leitet seit den 1960er Jahrern Bauunternehmungen in Moskau. Unter anderem war er am Bau des Regierungssitzes, des Weißen Hauses und der Christus-Erlöser-Kathedrale beteiligt.
Im Gespräch mit russland-aktuell.RU meldet Kantscheli prinzipielle Kritik am Verlauf der Untersuchungen an: „Noch in der Katastrophennacht haben wir zusammen mit Juri Luschkow den Unglücksort angesehen. Der Sicherheitsdienst zeigte uns auch ein Überwachungsvideo. Darauf sah man klar, wie außen aus einer Trägersäule Rauch herausschießt und sie sofort einstürzt“, erinnert sich der Bauingeneur.
Rettungsarbeiten, Spurensicherung oder Beweisvernichtung ? (Foto: TV)
Böswillige Vernichtung von Beweisen für Terroranschlag
Als Kantscheli am nächsten Tag wieder hinfuhr, waren die Beweismittel schon vernichtet. Schutt und Reste der Dachkonstruktion waren bereits in eine Grube hinter dem Tranvaal-Gelände geschoben worden. Das Videoband von der Überwachungskamera sei währenddessen auch verschwunden. Es tauchte ein Band in miserabler Bildqualität auf, das kaum eine Untersuchung ermöglichte.
„Es kommt mir so vor, als sei das alles so gewollt“, sagt Nodar Kantscheli. Für den Bauingeneur ist der Untersuchungsablauf erstaunlich amateurhaft: „Wenn jemand umgebracht wird, sperrt man sofort den Tatort ab, jede auch noch so kleine Einzelheit wird als Beweisstück festgehalten“.
Das Transvaal-Gelände hingegen ließ man nach der Rettungs- und Bergungsaktion von Baggern und Raupenschleppern räumen: „Das ist keine Schlamperei mehr. Man hat nicht einmal versucht, die Todesursache der Menschen herauszufinden. Und dies geschah eher vorsätzlich und böswillig“, sagt Kantscheli.
Trotz aller Vorwürfe hat der Bauingenieur aber nicht vor, aufzugeben. Er werde auch nicht aus Russland auswandern, trotz prominenter Vorbilder. Er habe die Ergebnisse der Sprengstoffkommission vorliegen „und noch ein paar weitere Asse im Ärmel, die mir die Anwälte geraten haben, vorerst geheim zu halten“, sagt der Bauleiter
Grund für seine Zurückhaltung sei auch, dass er die Akten des Untersuchungsauschusses bisland noch nicht einsehen darf., da er momentan noch als Zeuge im Transvaal-Fall gilt. Erst wenn es zur konkreten Anklage gegen ihn kommen sollte, kann er Akteneinsicht und „Zugang zur Hexenküche“ bekommen.
ali/.rufo
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