250 Jahre - Die Lomonossow-Universität Moskau (Foto: Knelz/.rufo)
Samstag, 29.01.2005
Uni Moskau zwischen Reform und rosiger Zukunft
Moskau. Von Alexej Knelz. Die Moskauer Lomonossow-Universität wurde am 25. Januar ein Vierteljahrtausend alt. Die Hochschule – die den Zarismus, den Sozialismus und den Perestrojka-Liberalismus heil überstand – muss heute hart kämpfen. Zum Jubiläum wurde eine der modernsten und größten Uni-Bibliotheken in Europa fertig. Ein Sputnik wurde für die Uni ins All geschossen. Der Bau des ultramodernen Klinik-Komplexes soll noch in 2005 beginnen – alles gute Anzeichen für einen rosige Zukunft.
Ob der Optimismuspegel ohne die 3,8% des russischen Gesamtbildungshaushaltes zu halten wäre, die die Lomonossow-Uni für sich beansprucht, ist allerdings fraglich. Immerhin geht es um vier Milliarden Rubel (über 100 Millionen Euro) jährlich, die tatsächlich investiert werden. In Satelliten und Bibliotheken, neue Gebäudekomplexe für Geisteswissenschaften und Kliniken. Gleichzeitig erweckt die MGU-Baupolitik den Anschein, als setze man ausschliesslich auf die Moderne: die alten Gebäude werden kaum saniert. Der Verfall zeigt sich fast überall.
Die Lomonossow-Uni kann trotz des enormen Haushalts kaum im Rennen mit den ausländischen Deluxe-Lehranstalten mithalten.
Belegte die Uni zu Sowjetzeiten im europäischen Ranking noch die ersten Plätze, so ist sie mittlerweile auf den 18. Platz abgerutscht - eine Position hinter der Universität Heidelberg. Im internationalen Rennen liegt die Lomonossow noch weiter hinten, auf dem bescheidenen 65. Platz. Weit hinter Oxford, Cambridge, Yale, Harvard und der Sorbonne, die sich einst an der sowjetischen Bildungskathedrale zumindest wegen den Naturwissenschaften die Zähne ausbissen.
Reformen sind umstritten
Das russische Bildungssystem wird zurzeit reformiert und keiner weiss so recht, was aus der russischen Akademiker-Produktion wird. Es sollen die international anerkannten Bachelor- und Magister-Studiengänge eingeführt werden. Die „Einheitliche Hochschulreifeprüfung“ soll allen Abiturienten Russlands gleiche Chancen geben, an der Elite-Uni aufgenommen zu werden.
Doch Rektor Viktor Sadownitschij ist anderer Meinung: „Ich habe nicht vor, den Lehrplan auf sechs Jahre Magister zu dehnen oder auf vier Jahre Bachelor zu stauchen“. Momentan beträgt die Studienzeit fünf Jahre und endet mit einem so genannten „Spezialist“- Diplom. So etwas wie eine „Regelstudienzeit“ existiert nicht. Das Studium ist verschult und in zehn Semestern von allen Studenten zu meistern.
Die „Einheitliche Hochschulreifeprüfung ist ein Verfahren, dem sich die Lomonossow-Universität hartnäckig widersetzt. Alternativ setzt die Kader-Schmiede auf so genannte „Olympiaden“. Dies sind naturwissenschaftliche Schulwettbewerbe, bei denen begabte Schüler ausgewählt werden. Diese können dann nach dem Schulabschluss ohne eine gesonderte Aufnahmeprüfung an der Lomonossow eingeschrieben werden. Wenn die Plätze reichen:
Seit der Kapitalismus im Land herrscht, muss die Hochschule zusehen, dass die Kassen gefüllt sind: 15% der Studienplätze werden an „Kontraktniki“ (Studiengebühren zahlende Studenten) vergeben.
Ob das System gerecht ist, sei dahin gestellt. Laut der letzten PISA-Studie, für den Deutschen längst ein Inbegriff der Bildungspeinlichkeit, biete das deutsche Schulsystem kaum bessere Chancen, trotz Bafög und wegen kommender Studiengebühren. Was die deutschen Unis allerdings nicht haben, ist der Sonderstatus der Lomonossow im nationalen Staatshaushalt – plus kräftiger Sonderzuwendungen aus dem Moskauer Stadtsäckel
So sagt Ljubow Resina, Leiterin des Moskauer Schulamtes der „Nesawisimaja Gaseta“: „Die MGU ist ein Universität, die höher als andere Hochschulen steht. Hier dürfen keine Normen und Regeln herrschen wie für andere. Sie hat einen Sonderstatus. Und ich hoffe, dass es auch so bleibt. Die Bildungspolitik darf sich auf keinen Fall negativ auf die Universität auswirken. Moskau wird sie auch in Zukunft unterstützen. Der Bürgermeister Jurij Luschkow schätzt diese Universität sehr. Die Bibliothek ist dank Moskau gebaut worden.“
In Eis: Die MGU (Foto: Knelz/.rufo)
Jewgenij Sokolow, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Bildungsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft glaubt, dass die grösste Lehranstalt Russlands vor den kommenden Reformen sicher ist: „Wir sind an einem wissenschaftlichen Zentrum im Lande interessiert, das andere Hochschulen – insbesondere die regionalen – kontrollieren würde.“
Reformen für die Peripherie, Konservierung für das Zentrum ?
Die Moskauer Lomonossow-Staatsuniversität hätte demnach im Unterschied zu peripheren Bildungseinrichtungen also nichts von den bevorstehenden Reformen zu befürchten. Es gibt allerdings kritische Geister, die nicht meinen, dass alles beim Alten bleiben kann.
So Sergej Jerjomin, in Kürze Diplomant an der philosophischen Fakultät: „Das System ist durchgehend sowjetisiert und somit veraltet. Klar, die Anforderungen sind hoch und man bekommt unglaublich viel vermittelt. Es ist jedoch auf eine andere Zeit zugeschnitten. Solange Marxismus-Leninismus der Stand der Dinge war, war es das Eine. Seit der Marxismus-Leninismus nur noch ein irrelevanter Teil vom Ganzen ist, ist es was ganz anderes“.
Eines ist allerdings sicher: Solange die alte intellektuelle Elite Russlands an der Universität unterrichtet, solange über 100 Millionen Euro jährlich in die Kassen der Universität fließen (die Einnahmen durch Studien- und Wohngebühren nicht mitgerechnet), solange die regionalen Unis Russlands die Lomonossow als Idol betrachten und das MGU-Diplom bei den russischen Arbeitgebern hoch im Kurs liegt – solange wird die Moskauer Staatsuniversität wohl eine der besten Alternativen für ein Studium in Russland bleiben. (ali/.rufo)
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