Das Nadelöhr an Kilometer 24 bringt den Flughafen Scheremetjewo zum Kollabieren. (Foto: newsru.com)
Donnerstag, 01.07.2010
Aktualisiert 02.07.2010 11:11
Verkehrskollaps: Scheremetjewo wird zur Touristenfalle
Moskau. Seit eine Strassenbrücke wegen Bauarbeiten gesperrt ist, steht die Leningrader Chaussee im Dauerstau. Die Fahrt zum/vom Flughafen Scheremetjewo dauert mehrere Stunden. Ist der Schnellzug Sapsan Schuld?
Staus in Moskau sind ein Dauerärgernis, aber was zurzeit auf der Ausfallstraße Richtung Norden passiert, ist selbst für die russische Hauptstadt eine Ausnahmesituation. Seit dem 25. Juni ist die Brücke über die Eisenbahnlinie bei Kilometer 24 nur noch einspurig befahrbar.
Damit ist sind einige Satellitenstädte und weite Bereiche im Nordwesten Moskaus fast ganz abgeschnitten. Der internationale Flughafen Scheremetjewo ist mit dem Auto so gut wie unerreichbar.
In Internetforen und Blogs beschreiben Betroffene, wie sie stundenlang im Stau stehen und Ausweichmöglichkeiten suchen - die es nicht gibt.
Tagsüber dauert die Fahrt nach Scheremetjewo an die vier Stunden, der Stau beginnt schon an der Metrostation Retschnoi Woksal. Noch schlimmer ist es für alle Pendler aus den Dörfern und Datschensiedlungen oder den Städten Selenograd, Solnitschnogorsk, Klin und anderen Orten im Nordwesten.
Eine Auto- oder Busfahrt aus dem Vorort Selenograd dauerte in den letzten Tagen fünf Stunden lang.
Wer mit einer Fahrtzeit von sieben Stunden den 700 km langen Weg aus St.Petersburg nach Moskau geschafft hat, muss dann auf den letzten 20 km noch fünf Stunden drauflegen.
Brücke baufällig - Umleitungen nicht vorgesehen
Die Brücke sei baufällig, heißt die offizielle Begründung, und müsse dringend überholt werden. Aufbau von Reservebrückenspuren oder Einrichtung von Umleitungen fand nicht statt, vielmehr wurden kurzerhand zwei von drei Fahrspuren in beiden Richtungen gesperrt.
Bis zum 1. Oktober soll die Sperrung dauern – für Flugreisende wird der Weg per Auto nach/von Scheremetjewo zu einer Tortur. Nicht nur Passagiere haben schon ihre Flüge verpasst, sogar Piloten und Bordbegleiter kommen zu spät zur Arbeit - zumindest alle die, die es noch nicht mitbekommen haben, dass es inzwischen einen bequemen Airport-Express (Fahrzeit 35 Minuten) ins Zentrum gibt.
70.000 Passagiere wickelt der Flughafen in der Sommerzeit täglich ab. Aus Verzweiflung über die katastrophale Situation hat sich Scheremetjewos Generaldirektor Michail Wassilenko in seinem Blog zu einer bösen Beschuldigung hinreißen lassen.
Mutwillige Bevorteilung von Wnukowo?
Die Moskauer Stadtregierung habe den Verkehrskollaps mutwillig provoziert, um Scheremetjewo zu schaden und dem Konkurrenzflughafen Wnukowo Vorteile zu verschaffen. „Man hat es nicht einmal für nötig gehalten, uns über den Beginn der Reparaturarbeiten in Kenntnis zu setzen“, schreibt Wassilenko. Scheremetjewo sei „absolut unvorbereitet“.
„Ich kann die Situation nur so erklären: Am 3. Juli wird im Flughafen Wnukowo, der der Moskauer Stadtregierung gehört, ein neuer Terminal eröffnet.“ Wassilenko schickte dann auch eine offizielle Beschwerde an das Föderale Kartellamt gerichtet, das die Umstände untersuchen wird.
Die städtische Verkehrsaufsichtsbehörde bestätigt inzwischen, dass die Teilsperrung der Eisenbahnbrücke vor der Abzweigung Richtung Scheremetjewo nötig sei. „Wir sehen keine Verbindung zwischen der Reparatur und der Inbetriebnahme des neuen Terminals in Wnukowo“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme.
Ausweichen auf die Bahn
Um die Situation wenigstens etwas zu regulieren, setzt Scheremetjewo nun einen Shuttle-Service zwischen dem internationalen und dem Inlandsterminal ein, der direkt über das Flugfeld verläuft. Passagiere sollten auf die Bahn umsteigen und den Zubringerzug vom Weißrussischen Bahnhof nutzen, der jede halbe Stunde fährt.
Die Taxifahrer haben indessen die Preise angezogen: Für eine Fahrt zum Flughafen vom Retschnoi Woksal muss der Fahrgast nun 1.500 bis 2.000 Rubel zahlen. Unter den Nutzern der Trasse geht indessen das Gerücht um, der Hochgeschwindigkeitszug Sapsan sei Schuld an der Misere.
Es sei keineswegs die „starke Korrosion“ an der Brücke, die als offizieller Grund für die kurzfristig angesetze Reparatur angeführt wird. In Wirklichkeit komme die Querung ins Wanken, wenn der Schnellzug mit über 200 Sachen unter ihr hindurchbraust.
Tatsächlich erreicht der Sapsan in diesem Streckenabschnitt diese Geschwindigkeit nicht. Die Brücke ist vielmehr seit Jahren marode und dringend reparaturbedürftig.
Vor allem aber war das Nadelöhr an der Brücke schon seit Jahren ein Schrecken aller Autofahrer. Eine Verbreiterung der Brücke wäre überfällig.
Wie dem auch sei, inzwischen hat sich Premierminister Wladimir Putin der Sache angenommen. Er hat seinen Vize Sergej Iwanow angewiesen, sich um die Lösung des Problems zu kümmern, das zu einem ernsthaften Einbruch in der Touristikbranche zu führen droht.
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