Moskau. Am vergangenen Freitagnachmittag wurde im Moskauer Andrej-Sacharow-Museum die Foto-Ausstellung „Sologubowka/ Russland“ eröffnet. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der 900 Tage dauernden Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg und hinterfragt zugleich die Einweihung des deutschen Soldatenfriedhofs „Sologubowka“ vor den Toren des heutigen St. Petersburg.
Die Ausstellung im Sacharow-Museum
Die Deutschen haben mit dem Zweiten Weltkrieg und Hitler eine große geschichtliche Last zu tragen. Diese Last wird in deutschen Familien und Schulen immer wieder thematisiert, so dass die einen schuldbewusst in die Weltenferne schauen, während der andere eher zum Vergessen neigen. Dies Vergessen zu verhindern, entwickelten die Foto- und Soundkünstler Susanne Schleyer und Michael J. Stefan das Konzept einer Trilogie zur deutschen Geschichte.
Der erste Teil der Trilogie – „Asservate“ – ist ein fiktives, aber auf authentischen Bildmaterialien basierendes Familienfotoalbum, welches die Homogenität deutscher Familiengeschichten beschreibt. Zusammen mit ehemaligen deutschen Flüchtlingen des nationalsozialistischen Regimes entstand der zweite Teil „Bueno“ in Argentinien. Mit dem dritten Teil „Sologobowka“ schließt sich der Kreis, denn hier finden die Überlegungen zu Krieg, Gedenken und Schuld ihren Höhepunkt.
Die Ausstellung besteht zum Teil aus Originalaufnahmen der 1940er Jahre, welche das Leben inner- und außerhalb des Blockaderings schildern. Daneben sind auch aktuelle Fotografien zu sehen, welche während der Recherchearbeiten der Künstler in St. Peterburg und Deutschland entstanden. Auch die Eröffnung des Friedhofes „Sologubowka“ wurde dokumentiert. Die Fotografien sind zu großformatigen Collagen arrangiert und mit O-Tönen des lebendigen St. Petersburg sowie Passagen aus Zeitzeugen-Interviews kombiniert.
Ausstellungsdetail
Susanne Schleyer und Michael Stefan nehmen nicht verbal Stellung zu den Bildern, erklären nicht. „Die Geschichtsbücher haben die Fakten dargelegt, ohne eine emotionale Auseinandersetzung zu ermöglichen“, erklärte Michael Stefan im Interview gegenüber aktuell.ru . „Es darf nicht soweit kommen, dass dieses Grauen in Vergessenheit gerät, und die nachfolgenden Generationen keinen Bezug mehr dazu herstellen können.“
Die Belagerung Leningrads von September 1941 bis Januar 1944 gehört zweifellos zu den schlimmsten Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Der Stellungskrieg begann mit Hitlers Befehl, die Stadt auszuhungern. In Folge dieses Befehls starben bis zum Januar 1944 fast eine Million Menschen. Nun wurde 70km entfernt von der Stadt, die von deutscher Hand zerstört werden sollte, der größte deutsche Soldatenfriedhof eingeweiht. Seit Herbst 2000 ruhen dort 80.000 deutsche Soldaten – ein Zehntel der in Leningrad gestorbenen Menschen.
Die Frage nach der Berechtigung eines solchen Denkmales an eben dieser historischen Stelle stellt sich ohne Frage. Doch wie Susanne Schleyer feststellt: „Erst wenn man seine Feinde begräbt, ist der Krieg wirklich zu Ende“. Premiere feierte die Ausstellung in St. Petersburg im „Museum der heldenhaften Verteidiger Leningrads“, dem Blockadedenkmal schlechthin. Im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Belagerungsendes, bedeutete eine solch emotionale Schau Sprengstoff.
Die Reaktionen reichten von Beschimpfungen der Bilder und Organisatoren bis hin zu Kranzniederlegungen vor den Fotografien. Binnen eines Monates sahen fast 300.000 Menschen die Ausstellung in St. Petersburg. Es bleibt abzuwarten, wieviele Interessierte in Moskau das Sacharow-Museum aufsuchen, um sich mit den geschichtlichen Tatsachen auseinander zu setzen. Die Foto-Schau ist bis 16.05.2004 zu sehen.
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Abendstimmung im neuen Petersburger Meeres-Passagierhafen. Die Saison hat gerade erst angefangen, die Piers sind noch fast alle leer. In wenigen Wochen wird sich das Bild ändern, denn mit Beginn der Weißen Nächste setzt der Kreuzfahrtschiff-Run auf die russische nördliche Hauptstadt ein. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)