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Im Moment bleibt Alexander nur ein Mobiltelefon für Verbindungen zur Außenwelt (Foto: Sonderegger/Phoenix)
Im Moment bleibt Alexander nur ein Mobiltelefon für Verbindungen zur Außenwelt (Foto: Sonderegger/Phoenix)
Mittwoch, 23.02.2005

Wie ein Kinderheim zum Kidnapper wurde

Von Karsten Packeiser, Naro-Fominsk/ Moskau. Die Fußböden sind blitzblank gewischt, an den Wänden hängen bunte Bilder und im Flur lächelt Präsident Putin von einem Portrait. Auf den ersten Blick scheint die Welt in Ordnung zu sein im Kinderheim von Sofino. Doch für Alexander Gussjew ist jede Minute in dem verhassten Gebäude eine Minute zu viel. Inzwischen ist es fast eine Woche her, dass die Heimleitung ihn aus der Schule entführte, die er während der letzten drei Jahre besuchte.

Das Schicksal des fast volljährigen Jungen ist ein Paradebeispiel für den in Russland noch immer üblichen Umgang mit Waisenkindern. Denn in dem reformbedürftigen, bürokratisierten System der Jugendämter und staatlichen Waisenheime geht es um Vieles, aber nur selten um das Wohl der betroffenen Kinder.

Neue Freunde vom Straßenrand

Immer wieder war Alexander aus Sofino fortgelaufen und hatte auf der Straße gelebt. Im Juli 2002 hatte es ihn in das Dorf Rogatschowo verschlagen. Dort lernte er zwei Jungen kennen, die in einem Haus lebten, das der deutsch-russische Verein Phoenix für Moskauer Straßenkinder eröffnet hatte. Die Kinder baten die Erwachsenen im Haus darum, dass Alexander bleiben dürfe.

Der Phoenix-Verein setzte sich mit dem Kinderheim in Sofino in Verbindung. Das Heim, der offizielle Vormund, war mit dieser Lösung einverstanden. Denn Alexander besuchte endlich wieder regelmäßig eine Schule und lebte sich schnell im Phoenix-Haus ein.

Zehn gegen einen

Bei Russland-Aktuell
• Projekt Phoenix - Neuer Halt für ehemalige Straßenkinder (23.4.2003)
• Adoption: Des Kanzlers neues Kind (17.08.2004)
• Straßenkinder bringen die Wände zum Wackeln (04.08.2004)
• Russische Heimkinder im Hungerstreik (12.01.2004)
Kurz vor Alexanders 18. Geburtstag änderte das Kinderheim nun abrupt seine Meinung. Zu zehnt fuhr ein Aufgreifkommando im Kleinbus vor der Dorfschule von Rogatschowo vor. Unter einem Vorwand wurde der Junge aus dem Zeichenunterricht gelockt, von zwei Frauen gepackt und in den wartenden Fluchtwagen gebracht. Einen ersten Versuch, Alexander gegen seinen Willen fortzuschaffen, hatte es bereits im Dezember gegeben. Nachdem der Kinderheim-Wagen mit dem Jungen jedoch auf offener Straße gestoppt werden konnte und Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet wurden, gab sich Sofino-Direktor Alexander Woronzow wieder versöhnlich und zog unverrichteter Dinge ab. Beim zweiten unerwarteten Besuch hatten die Häscher dagegen Erfolg.

„Es handelt sich klar um eine Entführung“, empört sich Phoenix-Heimleiter Maxim Jegorow, „anders kann ich das nicht bezeichnen.“ Denn auch das russische Recht verbietet es dem Vormund, gegen das erklärte Interesse des Kindes zu handeln. Ab einem Alter von 14 Jahren darf ein Jugendlicher nicht nur selbst entscheiden, mit wem er leben will, sondern hat sogar das Recht, selbstständig vor Gericht zu ziehen.

Handy durchs offene Fenster geworfen

Im Kinderheim von Sofino wurde Alexander zunächst von der Außenwelt isoliert. Wenigstens das zweite Mobiltelefon, dass ihm Phoenix-Vereinsmitglieder durch ein offenes Fenster in den 2. Stock des Heimes warfen, wurde aber nicht mehr konfisziert. Auch sei keineswegs gegen Sascha ein Besuchsverbot verhängt worden, versichert Sofino-Direktor Woronzow, der seit Tagen einem Treffen mit Phoenix aus dem Wege geht, bei einem Telefongespräch. „Es gibt aber bestimmte Besuchszeiten und wer ihn sehen will, muss sich vorher anmelden.“ Am Vortag hatte eine Sofino-Erzieherin Besucher vom Gelände des Heimes gejagt und erklärt, ohne behördliche Genehmigung dürfe der 17 Jahre alte Alexander nicht „mit Fremden“ reden.

Im Internet:
• Webseite des Zentrums für humanitäre Hilfe Phoenix

aktuell.RU ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.
Was das Kinderheim damit bezwecken wollte, als es den Jugendlichen aus Rogatschowo verschleppte, bleibt unklar. Womöglich erklärt sich die Aktion ganz einfach dadurch, dass Alexander bereits in Kürze volljährig wird und dann über eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung im nahe gelegenen Naro-Fominsk verfügen könnte, die er geerbt hat.

Zwei Mal hatte das alte Heim dem Jungen bereits in die Psychiatrie eingeliefert, obwohl Phoenix ärztliche Atteste vorliegen, die bescheinigen, dass er psychisch völlig gesund ist. Bei einer weiteren Einweisung hätte er für unzurechnungsfähig erklärt werden können. Präzedenzfälle, in denen Waisenkinder auf diese Weise um ihr Eigentum gebracht wurden, gibt es offenbar zur Genüge.

Phoenix hat inzwischen rechtliche Schritt eingeleitet und ist überzeugt davon, das Alexander Gussjew schon in wenigen Tagen wieder nach Hause zurückkehren kann.


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