Mittwoch, 11.02.2009

Buchpräsentation: Was in den 20ern Groß-Moskau hieß

Moskauer Avantgardebau in einem Hinterhof. (Foto: ak/.rufo)
Moskau. Wie würde Moskau aussehen, wenn in den 20ern der Bauplan “Groß-Moskau” umgesetzt worden wäre? Das Buch “Das große Moskau, das es niemals gab” macht mit Entwürfen sowie verwirklichten Teilen des Plans bekannt.
Es ist selbst den Moskauern wenig bekannt, dass bereits nach 1920, in der relativ freien Zeit der “neuen Wirtschaftspolitik” (NÖP), eine komplexe Umgestaltung der Stadt gemäß der neuen Realität – und im konstruktivistischen Stil geplant war.

Arbeiterklubs und Garagen in Form riesiger Schrauben und sonstiger technischer Details, runde oder schiffförmige Brotfabriken und Großküchen, Häuser der Kommunen mit Dachterrassen und eigenem Kindergarten im Hof.

All dies sah der städtebauliche Plan “Groß-Moskau” von Sergej Schestakow aus den frühen 20er Jahren vor, mit dem in den enorm wachsenden Arbeitervierteln Moskaus anständige Wohnverhältnisse geschaffen werden sollten.

Neue Wohnverhältnisse: von der Großküche bis zum Mausoleum

Viele einzelne Objekte aus diesem Plan wurden in den nächsten Jahren umgesetzt, insgesamt waren es beinahe 100 Bauten. Dazu gehörten beispielsweise das alte Moskauer Planetarium an der Barrikadnaja und das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz.

Die Mehrheit der Projekte ist jedoch nur auf dem Papier geblieben. Diese imaginäre Stadt, die nicht vollbracht werden konnte, wird in dem russisch-österreichischen Buch “Das große Moskau, das es niemals gab” aufgearbeitet, das am Montagabend in der Galerie “Vkhutemas” der Moskauer Architektur-Universität vorgestellt wurde.

Galerie im Keller

Sehr viele Besucher waren es nicht dabei. Wie auch zu den meisten anderen Veranstaltungen der Galerie, die sich in einem Keller im Innenhof der Architektur-Uni am Kusnezki Most befindet, kamen dieses Mal vor allem nur Architektur-Interessierte und Journalisten.

Als Deko für die Buchpräsentierung dienten Schirmwände einer bereits seit zwei Wochen laufenden Fotoausstellung über Konstruktivismus und dessen Zustand in Moskau, Sankt Petersburg und Berlin.

Das Buch wurde von Ekaterina Shapiro-Obermair vorgestellt, einer gebürtigen Moskauerin, die zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Obermair seit Jahren als Künstlerin und Kuratorin im Bereich der zeitgenössischen Kunst und Architektur in Wien tätig ist und das Buch herausgegeben hat.

Texte aus Moskau, Fotos aus Wien und München

Auf den 200 Seiten des Buches sind in deutscher und russischer Sprache Essays der russischen Autoren Kirill Faradschew, Sergej Nikitin, Iwan Sablin und Ekaterina Shapiro-Obermair sowie Bilder von den österreichischen und deutschen Fotografinnen Ulrike Boehm, Vera Faber und Julia Jungfer untergebracht.

Die Bilder stellen dabei einen eigenständigen Teil des Buches dar. Sie illustrieren nicht den Text, sondern fixieren alle noch erhalten gebliebenen Konstruktivismus-Häuser. Die Fotografinnen kamen 2007 und 2008 zweimal nach Moskau, um alle Häuser aufzusuchen und ihre Bilder anzufertigen.

Es sei nicht einfach gewesen, erinnert sich die Münchnerin Ulrike Boehm, die wegen der Buchpräsentation zum dritten Mal nach Moskau gekommen ist. “Einige Gebäude konnten wir kaum finden, weil sie bis zur Unkenntlichkeit umgebaut oder längst angerissen wurden und dies auf dem Stadtplan nicht fixiert war.”

Keine schnelle Lösung gegen die Zerstörung

In der Bachmetjew-Garage hat das Zentrum für zeitgenössische Kunst eine Heimat gefunden. (Foto: ak/.rufo)
Die Zerstörung der umgesetzten Teile des “großen Moskau” ist im Buch ebenfalls thematisiert. Einer der Co-Autoren, Kirill Faradschew, meint, dieser Baustil würde deshalb nicht gepflegt, weil die Menschen eine Rekonstruierung als negativ empfinden: “Der Konstruktivismus passt nicht in die visuelle Kultur des heutigen orthodoxen Russlands, das auf traditionellen Vorstellungen basiert,” so Faradschew.

Die Fotografin Boehm sieht einen Ausweg darin, den Menschen mehr Positives über diesen Stil zu vermitteln: “In Deutschland wird das Bauhaus mit den “goldenen 20ern” verbunden. Daher ist auch sein Stellenwert so hoch. Jedes Atelier bei uns, das auch nur ein bisschen mit dem Bauhaus zu tun hat, schreibt es sich auf die Fahnen.”

“Eine schnelle Lösung gegen die schlechte Behandlung der Avantgarde in Moskau gibt es nicht”, fasst Shapiro-Obermair zusammen. Jedoch gibt es auch einige positive Beispiele. Eines davon sei die Bachmetjew-Garage des Architekten Melnikow, so Shapiro-Obermair. Heute ist dort das Zentrum für zeitgenössische Kunst “Garage” untergebracht.

Das Buch kommt bald nach München

Das Buch “Das große Moskau, das es niemals gab” wurde im Dezember vergangenen Jahres bereits in Wien vorgestellt. Es wird aber erwartet, dass es nach den beiden Städten Wien und Moskau noch nach München kommt. Die Buchpräsentation dort könne schon innerhalb der nächsten zwei Monate stattfinden, so Ulrike Boehm.