Donnerstag, 18.08.2011

G-Punkt mitten in Moskau: Erotik-Museum provoziert

Fernöstliche Erotik interessiert die Besucher am wenigsten (Foto: yandex.ru)
Moskau. Es ist nicht das erste Erotik- oder Sex-Museum in Russland - aber seine Provokationen füllen das russische Sommerloch: Das Museum "Totschka G" (G-Punkt) am Arbat in Moskau. Sein Organisator wollte schon einmal Präsident werden - der Kreml liess ihn nicht.
In Sankt Petersburg ist schon seit fast 10 Jahren in einem Sex-Museum unweit des Deutschen Konsulats der angebliche Penis Rasputins zu bewundern, im Drei-Liter-Glas, in Spiritus eingelegt. Darüber allerdings redet kaum jemand, denn es fehlt die politische Provokation - die den Moskauer G-Punkt würzt.

Museumschef Alexander Donskoi gibt unumwunden zu, dass es ihm um sexuelle Provokation gehe. Ziel sei nicht, mit der oft noch aus Sowjetzeiten verstaubten Sexualmoral aufzuräumen. «Wir wollen hier Emotionen erzeugen, auch wenn Besucher rausrennen vor Ekel», sagt der 41 Jahre alte Familienvater.

Auf einer Couch in einem ganz in Rot gehaltenen und mit vielen Schleiern verhängten Café seines Museums gleich an der Touristenmeile Arbat erzählt der Geschäftsmann auch von seinen Sorgen um den «Seelenzustand Russlands». Er regt sich auf, etwa über die Doppelmoral der immer stärker werdenden russisch-orthodoxen Kirche. Wasser predigen und Wodka trinken sei dort das Gebot, meint er.

Donskoi treibt es um, wie christliche Fundamentalisten auch in der russischen Hauptstadt immer wieder mit brutaler Gewalt etwa gegen Homo- und Transsexuelle vorgehen. In der nordrussischen Großstadt Archangelsk, wo er einst im Lebensmittelhandel reich wurde, hat das Stadtparlament gerade «Homosexuellen-Propaganda» verbieten lassen. Dabei ist Schwulsein in Russland schon seit Jahren erlaubt.

Das Museum zeigt Zeichnungen von Sex zwischen Männern - neben Phallus-Skulpturen aus vielen Epochen und Ländern. In einem Sexshop gibt es Vibratoren, Gummianzüge und Peitschen. «Die Resonanz in den ersten Wochen ist riesig. Vor allem junge Menschen kommen, posieren mit unseren Zwei-Meter-Penisskulpturen», sagt Donskoi. 500 Rubel (12 Euro) kostet der Eintritt.

Zwar gibt es auch in Russland Sexshops und Erotik im Fernsehen. Aber Donskoi setzt nun darauf, dass das neutrale Wort Museum noch mehr Leute anlockt. «Bei uns gibt es viel zu wenige Leute, die mit klugen Ideen die Gesellschaft offener machen wollen», sagt der 30 Jahre alte Besucher Sascha nachdenklich.

Bis zur Schließung um Mitternacht strömen immer neue Besucher in die Ausstellung im Souterrain. Umgeben von Raritäten wie einem Schachspiel aus erotischen Mammut-Elfenbein-Miniaturen und einer Medaillensammlung mit Liebesposen der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher sitzen junge Paare an einem Tisch mit Fotobänden.

Die Exponate hat Donskoi innerhalb von nur wenigen Monaten über das Internet bei Facebook erfragt und eingekauft. Zudem hätten Erotikmuseen im Westen geholfen. Investoren ließen letztlich den Rubel rollen für das Museum, wie er sagt.

Dass er politisch anecken könnte, weiß er. Immerhin ist auch ein satirisches Gemälde mit dem russischen Regierungschef Wladimir Putin ausgestellt. Der Ex-Kremlchef steht da gemalt in kämpferischer Pose als nackter Krieger mit gleich zwei steifen Penissen. US-Präsident Barack Obama daneben hat nur einen, aber zwei Glocken.

Konservative Politiker verachten Donskoi seit langem, weil er für sexuelle Freizügigkeit und gegen Doppelmoral eintritt. Für Furore sorgte er einmal, als er in Unterhose von der Polizei abgeführt wurde und Bilder davon um die Welt gingen. Sex spielte dabei keine Rolle.

Donskoi hatte sich vielmehr mit der Staatsmacht angelegt, weil er nach seiner Wahl zum Bürgermeister in der Stadt Archangelsk, das war 2005, auch noch Präsident werden wollte. Er galt bis dahin schon lange als ausgemachter Regierungskritiker, der gegen Korruption und Vetternwirtschaft kämpfte.

Donskoi kam in Untersuchungshaft und wurde verurteilt. Damals hieß es, er habe angeblich sein Diplom gefälscht und auch öffentliche Gelder für seinen Personenschutz eingesetzt. Seine politische Karriere endete abrupt.

«Mir geht es heute wie vielen in Russland, die sich in die innere Emigration zurückziehen», sagt er. Das Museum sei für ihn ein Ventil, um seinem Ärger über die «Machthaber» Luft zu machen.

(Ulf Mauder, Moskau, dpa)