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Montag, 17.09.2007

Jelzin-Denkmal: Kopfsalat, Dollars und viel Wurst

Moskau. Jelzin war eine umstrittene Person. Das spiegeln die Entwürfe für ein Jelzin-Denkmal wieder, die bis zum 11. Oktober in der Gallerie Art4.ru zu sehen sind. Die Besucher können ihren Präsidenten-Denkmals-Liebling frei wählen.

Bereits wenige Tage nach dem Tod Boris Jelzins, des ersten Präsidenten im postsowjetischen Russland, erklärte der Monumental-Künstler Surab Zereteli, ein Denkmal für den Verstorbenen bauen zu wollen.

Gehöriger Schrecken



Diese Äußerung jagte einigen Moskauer Kunstschaffenden einen gehörigen Schrecken ein. Sie waren der Meinung, Zeretelis realistische Riesenstatuen seien in Moskau und Russland bereits zu Genüge vertreten.

Das erschreckendste Beispiel für die Monumental-Kunst des gebürtigen Georgiers steht mitten im Zentrum der russischen Hauptstadt: das Denkmal für Peter den Großen am Ufer des Moskwa-Flusses in Höhe der ehemaligen Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ (Krasny Oktjabr).

Bei Russland-Aktuell
• Surab Zereteli (22.08.2002)
• Zereteli will New Yorkern Terror-Mahnmal bauen (19.09.2001)
• Zereteli sucht erneut den Weg nach Petersburg (13.11.2003)
• Umstrittener Hofkünstler – Zereteli wird 70 (02.01.2004)
• Putin in Bronze verewigt (20.04.2004)
Bis heute macht die Geschichte die Runde, nach der Zereteli sein Werk eigentlich dem amerikanischen Volk angeboten hatte. Es sollte ein Kolumbus-Denkmal sein und irgendwo an der US-Ostküste stehen. Die Küstenbewohner lehnten aber dankend ab, Zereteli tauschte den Kopf aus. Und jetzt steht der Koloss eben am Ufer der Moskwa.

Mehr Mut zur Abstraktion



Damit nicht auch noch eine riesige Jelzin-Statue in das Moskauer Stadtbild eingeht, riefen die Initiatoren des Museums „Art4.ru“ mit Unterstützung des „Stiftung des ersten Präsidenten Russlands B. N. Jelzin“ einen Wettbewerb aus.

Ziel des Wettbewerbs: „Er soll die Klischees in der zeitgenössischen Monumentalkunst zerstören und jungen, talentierten, zeitgenössischen Künstlern eine Chance geben, ihr Können zu präsentieren“, heißt es in einer Pressemitteilung von Art4.ru. Oder wie es einer der Besitzer des Museums, Igor Markin ausdrückte: Die Russen sollen ermutigt werden, auch abstrakte Kunst anzunehmen und nicht nur den gewohnten Sowjet-Realismus.

Bei Russland-Aktuell
• Russland Geschichte: Mammutdenkmal an der Moskwa (05.09.2007)
• Zereteli als Bildhauer für Olympia 2014 in Sotschi (21.07.2007)
• Tallinner Bronzesoldat bald in Moskau? (21.06.2007)
• Russland Geschichte: Bildhauer Zereteli geboren (04.01.2007)
• Surab Zereteli setzt sich ein neues Denkmal (27.09.2006)
Der erste Enthusiasmus der Organisatoren, das Denkmal einmal auf dem Lubjanka-Platz gegenüber der Zentrale des Russischen Geheimdiensts FSB einweihen zu können (an der Stelle, an der bis 1991 KGB-Gründer Felix Dserschinski stand), ist mittlerweile realistischeren Plänen gewichen. Wahrscheinlicher sei, dass das Denkmal in Jelzins Heimatort Jekaterinburg oder vor der geplanten Präsidenten-Bibliothek errichtet werde.

Hamburger Royal B. N.



Der wohl auffälligste Entwurf gleich zu Beginn der Ausstellung stammt von der Künstlerin Jelena Hades. Sie lässt „Zar Boris“ auf einem gigantischen Hamburger trohnen. In der Erklärung zu ihrem Entwurf, der neben dem Kunstwerk an der Wand klebt, gibt Hades detailgenau Auskunft über den Sinn der einzelnen Zutaten:

Viel Wurst steht für den neuen Wohlstand und die vollen Ladenregale, die mit der Präsidentschaft Jelzins nach Russland kamen. Neben dem typischen Hamburger-Salatblatt gibt es auf dem Jelzin-Burger noch eine andere Schickt „Grünes“ – frisch gedruckte Dollars, ohne die in den Neunzigern gar nichts ging.

Die zerquetschten Menschlein unten am Sockel des Denkmals lassen indessen erahnen, dass bei Weitem nicht jeder Russe Wohlstand und Glück mit dem Namen Jelzin gleichsetzt.

Interessant aber unseriös



Interessant, aber wohl doch ein bisschen zu unseriös und deshalb von der Jury – der im Übrigen auch Jelzins Tochter Tatjana Djatschenko angehörte – nicht in die Endauswahl aufgenommen:

Das Denkmal nach Art eines Bilderrätsels, aufgeteilt in einen Gegenstand, eine Kreml-Tanne, und die drei anschließenden kyrillischen Buchstaben „z“, „i“ und „n“.

Auf Russisch ergibt das einen schönen Kalauer: Der Familienname des ersten russischen Präsidenten beginnt im Russischen mit den Buchstaben „Jel“ - was soviel heisst wie Tanne.

Wahlzettel und Urne



Gut auch die Idee, einem der monumentalen Steinköpfe, wie sie auf den Osterinseln zu finden sind, Jelzins Gesicht zu verpassen. Allerdings fällt auch dieser Entwurf eher in den Bereich dekorative Kunst und kommt deshalb als Vorlage für ein ernsthaftes Denkmal nicht in Frage.

Im zweiten und letzten Raum sind die fünf Entwürfe zu betrachten, die es in die Endauswahl geschafft haben. Aus ihnen dürfen die Ausstellungsbesucher ein Sieger-Denkmal auswählen. Ganz nach demokratischen Regeln mit Wahlzettel und Urne – auch das natürlich eine Anspielung auf Boris Jelzin als den Vater der russischen Demokratie.

Staatstragend oder verunsichernd



Während Aladin Garunow und Dmitri Gutow der Epoche Jelzin mit ihren Denkmal-Entwürfen offenbar einen nüchternen und staatstragenden Abschluss geben wollen. Erinnern die Entwürfe von Andrej Bartenjew, Dmitri Kawarga und Rostan Tawasijew an die beängstigende, wirre Umsturzzeit:

Garunow zeigt Jelzins Konterfei auf mehreren großen Metallplatten, die in den Farben der Nationalflagge Weiß, Blau und Rot gestrichen sind. Gutow verzichtet auf das Abbild des Präsidenten und baut Jelzin aus den überdimensionalen Beton-Buchstaben seines Nachnamens ein Denkmal.

Ein kleiner Plüschhase versucht eine kippende Säule zu stützen, von der eine Vase herabzustürzen droht. In der Erläuterung des Künstlers Rostan Tawasijew heißt es sinngemäß: Der Hase sei das einzige Lebewesen in der Nähe gewesen, das das Herabfallen der Vase verhindern konnte. Wahrscheinlich sei der Hase vollkommen zufällig vorbeigekommen. Es hätte jeden anderen treffen können. Jelzin ein Hase – dann aber ein ganz mutiger!

Vom Professor zum Penner



Bedrohlicher der schwarze Plastikklumpen, dessen geschwungene Wellen kleine weiße Menschlein zu verschlingen drohen. Der Denkmal-Entwurf von Dmitri Kawarga ruft noch einmal die Wirren der Neunziger Jahre in Erinnerung, in denen alles möglich schien – der Aufstieg vom kleinen Gauner zum Oligarchen genauso wie der Absturz vom Professor zum Penner.

Die kurzweilige Ausstellung „Entwürfe für ein Jelzin-Denkmal“ ist noch bis zum 11. Oktober täglich von 11.00 bis 00.00 Uhr im Museum Art4.ru zu sehen (Chlynowski tupik, Metro Twerskaja, Arbatskaja). Eintrittskarten kosten für Erwachsene 200 Rubel (5,70 Euro), für Studenten 100 Rubel.

Weitere Ausgehtipps finden Sie in unserem Veranstaltungskalender. (cj/.rufo/Moskau)


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