Moskau. Stilleben aus Schimmel, Putin-Ikone auf befleckter Bettwäsche und afrikanische Ornamente zur Umweltverschmutzung: Die 3. Moskauer Biennale der Gegenwartskunst ist kritisch, naturalistisch und umfassend.
Die Dritte Moskauer Biennale der Gegenwartskunst öffnete ihre Tore am vergangenen Freitag. In der riesigen Ausstellungshalle des einstigen Bus-Depots und heute Zentrums für Gegenwartskultur “Garasch” (Garage) werden den ganzen Oktober lang mehr und weniger verständliche Kunstwerke aus Europa, Asien, Ozeanien, Afrika und Australien gezeigt.
Nicht für leicht verwundbare Nationalpatrioten
“Empfindliche Orthodoxe, radikale Moslems und leicht verwundbare Nationalpatrioten sollten nicht kommen,” meint Mit-Initiator Andrej Jerofejew, der einst als Leiter der skandalumwitterten Ausstellung “Die verbotene Kunst” im Sacharow-Zentrum bekannt wurde und bis vor kurzem die „Abteilung für neueste Kunst-Strömungen“ der Tretjakow-Galerie leitete.
Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch als Symbol für die russische Gegenwartskunst beim Maler Pavel Pepperstein
Jerofejews Warnung ist durchaus begründet: So zeichnet der Ukrainer Stas Woljaslowski seine Werke auf alte befleckte Kissen und schmutzige Bettwäsche. Neben Comics aus dem Privatleben des Künstlers gibt es auch Zeichnungen zur aktuellen Politik. Wie etwa ein Bettlaken, auf der Wladimir Putin im Heiligenschein einen Drachen mit der Lanze tötet.
Es gibt eine Serie von Video-Installationen des britischen Künstlers William Kentridge zum Stalin-Kult und -Repressionen – und zur heutigen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in Russland.
Ausgestellt werden zum Beispiel auch afganische Teppiche, wo ins traditionelle orientalische Muster sowjetische Panzer, Gewehre und Flugzeuge eingeflochten sind.
Noch mehr Kunst
Afrika als Müllgrube des Nordens
Die diesjährige Biennale hat kein bestimmtes Thema, jedoch gibt es ein Leitmotiv. Der rote Faden, der durch alle Säle läuft, ist die Kunst Afrikas, egal ob traditionelle Ornamente oder gegenwärtiger Surrealismus. Die meisten der afrikanischen Werke gehen dabei Umweltprobleme an.
So hängt in einem Saal an der ganzen Wand ein riesiges Gewebe aus roten, grünen, silberfarbenen und gelben Fasern. Nur wenn man näher kommt, merkt man, dass der “Stoff” aus flachgedruckten Bierdeckeln, Bonbon-Hüllen und Teilen von Zigarettenpackungen zusammen geflochten ist.
In einem anderen Saal stellt der Kongolese Cheri Cherin seine Gemäldeserie unter dem Namen “Süden – eine Müllgrube des Nordens?” vor.
Das Kunst aus Afrika so stark vertreten ist, erklärt sich durch die Vorlieben des diesjährigen Betreuers der Biennale. Leiter der Dritten Moskauer Biennale ist Jean-Hubert Martin, der ehemalige Direktor des Centre Pompidou in Paris. Viele der diesjährigen Teilnehmer in Moskau wurden gerade durch Martin und seiner Ausstellung «Magier der Erde» erstmals 1989 nach Europa geholt.
Bienale-Adressen:
Garasch (Garage) ul. Obraszowa 17 Metro Nowoslobodskaja
Fabrika Perewedjonowskij per. 18 Metro Baumanskaja
Winsawod 4.Syromjatnitscheskij per 1 Metro Kurskaja
Präparierte Hühner und lebendige Schlangen
Außerdem gibt es in der Biennale auffallend viele tote und lebendige Fauna. Neben präparierten Hühnern aus verschiedenen Ländern im Rahmen des “Cosmopolitan Chicken Projekt” stehen in reiche Pelzmäntel gekleidete Raubtiere wie Bär, Wolf und Fuchs. Und im nächsten Saal kriechen lebendige Schlangen und Schildkröten in einem Käfig herum.
Viele Kunstwerke der Biennale-Teilnehmer brauchen offensichtlich, wie einst die surrealistischen Gemälde von Salvador Dali, ebenfalls lange Erklärunge, die die Gedanken des Künstlers zusätzlich erklären. Es ist darum fast unmöglich, sich bei einem Rundgang auf 5.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in der „Garasch“ die ganze Biennale auf einmal gründlich anzuschauen.
Für die, die es aber doch schaffen, gibt es jetzt schon eine Fortsetzung in den Galerien von Winsawod (Vinzavod) und Fabrika. Hier werden bis zum 25. Oktober parallele Programme zur dritten Moskauer Biennale gezeigt.
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