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| Sowjetische Zwangsarbeiterinnen bei der Ankunft im Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen, Dezember 1942. (Foto: G. Gronfeld/Deutsches Historisches Museum, Berlin) | |
Freitag, 24.06.2011
Zwangsarbeiter-Ausstellung in Moskau wirft Fragen auf
Ulrich Heyden, Moskau. Mit 8,7 Millionen Zwangsarbeitern stellte die Sowjetunion den größten Teil der in das Dritte Reich verschleppten Arbeitskräfte. Eine deutsche Ausstellung in Moskau informiert jetzt über ihr Schicksal.
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Nachdenklich schaut Larissa Petrowna auf die Fotos, die das Leben der Zwangsarbeiter in Deutschland zeigen. Die heute 72 Jahre alte Rentnerin, die 1944 als Sechsjährige von den Nazis aus der weißrussischen Stadt Orscha nach Erfurt verschleppt wurde, erklärte im Gespräch mit Russland-Aktuell, sie empfinde es als „angenehm“, dass die Deutschen jetzt eine Ausstellung über Zwangsarbeiter zeigen. „Damit wird Schuld abgetragen“, meint die alte Dame und sagt das ganz ohne Groll.
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Befriedigung, aber auch Kritik Die Ausstellung über NS-Zwangsarbeit in Europa wurde am Mittwoch im großen „Zentralmuseum des Vaterländischen Krieges“ in Moskau eröffnet. Der deutsche Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, verlas eine Grußbotschaft von Bundespräsident Christian Wulff. Bei der Eröffnungszeremonie sprach auch der stellvertretende russische Kulturminister Andrej Busygin.
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Im Halbrund um die kleine Rednertribüne saßen etwa 100 ältere Menschen, die während des Krieges als Kinder von Zwangsarbeitern in Deutschland lebten. Im persönlichen Gespräch hörte man – wie bei Larissa – Befriedigung über die Ausstellung.
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Einige der alten Menschen äußerten aber auch Unzufriedenheit. Denn es gibt immer noch viele verschollene Zwangsarbeiter, deren Schicksal bis heute nicht aufgeklärt ist. Und viele der überlebenden Zwangsarbeiter, die im Dritten Reich das Abzeichen „Ost“ oder „SU“ trugen, kamen auch nicht in den Genuss der Entschädigungszahlungen aus Deutschland.
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Vereinbarung von Christian Wulff und Dmitri Medwedew Die von den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora konzipierte Ausstellung war Ende letzten Jahres im Jüdischen Museum in Berlin gezeigt worden und nach einer Vereinbarung zwischen dem russischen und dem deutschen Präsidenten nach Moskau gebracht worden. Geplant ist, dass die Schau von Bildern und Texten auch noch in anderen Großstädten gezeigt wird, wo das Dritte Reich wütete.
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Mehrere der deutschen Redner erklärten bei der Eröffnung, sie hofften, dass das Thema NS-Zwangsarbeit, über das in Russland bis heute nicht gesprochen wird, endlich auch von der russischen Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
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Die Ausstellungs-Macher verschwiegen jedoch nicht, dass das Thema Zwangsarbeit nach dem Krieg auch in Deutschland gemieden wurde. „Die deutsche Bevölkerung sah sich selbst als Opfer und lehnte jede Beschäftigung mit dem Thema ab“, erklärte der Kurator der Ausstellung, Jens-Christian Wagner, auf einer Pressekonferenz.
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Druck aus dem Ausland Das habe sich erst geändert, als Bürgerinitiativen in Deutschland in den 1980er Jahren über die Zwangsarbeit im Dritten Reich aufklärten, berichtete Wagner. Der Hauptgrund, warum sich dann auch Politik und Wirtschaft in Deutschland mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigten, waren – so Wagner – aber nicht die Aktivitäten der Bürgerinitiativen in Deutschland, sondern der Druck aus dem Ausland.
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| Frauen und Mädchen, die zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich gebracht werden, steigen unter Bewachung in den Waggon. Ukraine, Frühjahr 1943. (Foto: Thiemann; Quelle: Bundesarchiv, Koblenz) | |
Opferverbände aus der ehemaligen Sowjetunion und die Klagen jüdischer Zwangsarbeiter vor US-Gerichten hätten das Thema in Deutschland auf die Tagesordnung gesetzt. Wagner wies ausdrücklich darauf hin, dass mit der Zwangsarbeit jeder Deutsche zu tun hatte. Denn von den 20 Millionen Zwangsarbeitern waren 13 Millionen im Deutschen Reich eingesetzt.
„Jeder Deutsche musste sich entscheiden“ Jeder Deutsche musste sich entscheiden, wie er sich einem Zwangsarbeiter gegenüber verhält, „mit Gewalt oder als Mensch“, sagte der Kurator, und das konnte man auch als Botschaft an die Russen verstehen, sich mehr mit der Geschichte der Repression im eigenen Land zu beschäftigen.
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Die Entschädigung der Zwangsarbeiter die dann im Jahre 2000 durch die deutsche Wirtschaft und die Bundesregierung eingeleitet wurde, bezeichnete der Kurator als „eingeschränkte Gerechtigkeit“, denn die Geldzahlungen an die Männer und Frauen, die kostenlos und unter oft unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten, kamen zu spät.
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Viele waren schon verstorben. Außerdem wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen, die ebenfalls in das System der Zwangsarbeit eingebunden waren, bei den Zahlungen nicht berücksichtigt. Und schließlich mussten sich alle, die entschädigt wurden, schriftlich verpflichten, nicht gegen deutsche Unternehmen zu klagen.
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„Zu Essen bekamen wir Küchenabfälle“ Die 72-jährige Larissa aus dem weißrussischen Orscha, die heute in Selenograd bei Moskau lebt, erzählt, sie sei es nicht gewohnt, mit Journalisten zu sprechen. Auf keinen Fall wolle sie zu einem Medien-Star werden. Doch dann erzählt die Frau, die ihr schlohweißes Haar zu einem Zopf gebunden hat, doch von ihrem Schicksal.
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Ihr Vater war an der Front, ihre Mutter wurde von deutschen Soldaten erschossen. „Man warf ihr vor, dass sie Partisanen geholfen hat. Das war wohl auch so“, sagt Larissa mit einem Lächeln und Stolz in der Stimme. Bis heute kann die alte Dame nicht verstehen, warum man sie und ihre drei Geschwister eigentlich nach Deutschland verschleppt hat.
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Ihre Tante und ihr Onkel, die sie begleiteten, wurden in Erfurt und anderen Städten Thüringens als kostenlose Arbeitskräfte eingesetzt. Aber Larissa konnte als Kind ja noch nicht arbeiten. Aber die Nazis hofften wohl, Larissa in ihrem Tausendjährigen Reich noch ausnutzen zu können.
„Zu Essen bekamen wir Küchenabfälle“, erinnert sich die alte Frau. „Ich bekam davon eine Bauchentzündung und konnte nicht mehr laufen.“ Als sie wieder in der Sowjetunion zurück war, sei sie einmal mit Steinen beworfen worden, erinnert sich die alte Frau, die bei dem Vorfall noch ein Kind war. Nach dem Krieg galten Zwangsarbeiter in der Sowjetunion als „Vaterlandsverräter“.
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Keine Kritik an den Filtrationslagern Nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion wurden alle Zwangsarbeiter in Filtrationslager gesteckt, erklärt der Direktor des Zentralmuseums, Wladimir Sabarowski, gegenüber dieser Zeitung. Es wurde geprüft, ob sie mit den Deutschen „kollaboriert“ oder sich als „Spione“ hatten anwerben lassen.
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Sabarowski berichtet darüber, ohne diese Ungeheuerlichkeit irgendwie zu bewerten. Keiner der russischen Redner rang sich bei der Eröffnungsveranstaltung und der Pressekonferenz dazu durch, die Spionenmanie während der Stalin-Zeit zu kritisieren.
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Sabarowski berichtet, dass 700.000 Zwangsarbeiter nach ihrer Befreiung durch die alliierten Truppen in Westeuropa geblieben sind. Auch dieses Faktum bewertete der Museums-Direktor nicht. Sabarowski versprach jedoch, man werde zu dem Thema Zwangsarbeiter jetzt auch eigene Untersuchungen und Projekte starten.
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